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234/23
Zürich am 20. November. 780.
24
Warmer, inniger Dank Ihnen theuerster Vater! für die väterliche
25
Aufnahme meines zudringlichen Kinderglaubens und den reichen Lohn meiner
26
dürftigen Gabe.
27
Ihr Brief kam mir am 17. August zur erwähltesten Stunde – ein klarer
28
Himmelsthau auf meine müde, welke Seele. Am 8. Jul. gab mir mein
29
Weib
Anna Regula Häfeli
Weib durch eine über Bitten und Hoffen schnelle Geburth ein holdes Mädchen;
30
mitten in der hohen Vaterfreude und Hofnung naher Erholung und alle den
31
Aussichten des frohen Sommergenusses mit Weib und Kind fiel die
32
Wöchnerin in tödliche Schwachheit und aus dieser in die schmerzlichste
33
Brustkrankheit, die allen Frieden meiner Seele und alle Ruhe meines Hauses
S. 235
verschlang und mich zu wüthenden Gebethen in den Staub hinwarf. In den
2
ersten Augenblicken beßerer Hofnung sandte mir Gott Ihre Erquickung – ich
3
nahm sie zum Pfand, daß Er mir bald alles Kranke heilen und alles
4
Verlohrne wiedergeben werde; und siehe, Er hats gethan. Sein Name sey gelobet!
5
Nach Ihrer aufgegebenen wunderlichen Ausarbeitung bey Anlas der
6
Stüke des Merkurs
Häfeli,
Eines Ungenannten Antwort
bewußten Stüke des Merkurs, lüstets meine Seele bey alle den holen Nüßen
7
und sauern Aepfeln unsers litterarischen Jahrmarkts wie nach einer Frucht
8
vom Baume gepflanzet an den Wasserbächen.
9
Es begegnet mir leider oft, daß ich, zumal nach Jahr und Tag, gerade der
10
schlechteste, leersinnigste Ausleger meiner eigenen Worte bin. Ich kann mich
11
unmöglich mehr in den Ideenkreis hineinzaubern, in welchem ich jenes von
12
„der Brücke ohne Lehne“ hinschrieb – und büße also Ihre Kritik wie das Kind
13
die schonende Ruthe.
14
Der Aufsatz über „Reich und Zukunft des Herrn“ im neusten Stück des
15
Magazins regt in meiner Vaterstadt viel Geschrei über seine Verfaßer, ob er
16
Toblers Fragen …
Tobler,
Gedanken und Antworten zur Ehre Jesu und seines Reichs
gleich die Censur paßirte: Er ist eigentlich über „Toblers Fragen und
17
ihm
Johannes Tobler
Antworten zur Ehre Christi und seines Reiches“ geschrieben und wurde ihm im Mscpt
18
mit Bitte um Lösung der Zweifel zugesandt, aber verachtend und beleidigend
19
abgewiesen. Herr Tobler ist Oberhelfer an unsrer Kathedralkirche und
20
Präsident der jüngeren Geistlichen. Darum schreit man uns zu: „antwortet ihr
21
dem Oberpriester also?“ und wir dürfen und mögen uns nicht wie Paulus
22
entschuldigen.
23
Von den neuern Meßfrüchten, deren Name Legion ist, hab’ ich die wenigsten
24
gesehen und nur ein paar gekostet – wobei ichs wahrscheinlich bewenden
25
Lavaters Apokalypse
Lavater,
Jesus Messias
lassen würde wann ich auch Zeithalber nicht müßte.
Lavaters Apokalypse
,
26
die er Ihnen hier mit dem Gruß der Liebe durch mich sendet. Vermehrte
27
Hessens Versuch …
Hess,
Von dem Reiche Gottes
, 2. verbesserte Aufl. 1781 (erschienen 1780, vgl.
Messkatalog für Ostern 1780
,
S. 978
)
Ausgabe von
Hessens Versuch vom Reich Gottes
, die sich über die vorige
28
Ausgabe und über alle Schriften dieses Schriftforschers durch mannliche und
29
freiherausgesagte Bibelwahrheit sehr erhebt – obgleich das Metaphysisch-
30
Prophetisch-Dramatische der Bibel des Mannes Sache nicht ist. Herders
31
Briefe über das Studium der Theologie
– trefliche Bemerkungen – fast
32
fürcht’ ich, der Mann, den wir doch wahrlich alle innig ehren und lieben, ist
33
Über die Reformation
Ulrich,
Ueber die Reformation
unzufrieden mit uns – Gott weiß warum? Über
die Reformation
– ein
34
voluminöses Berlinerprodukt, wie ich aus der gustosen Zubereitung der derben
35
deistischen Brocken schließe; sonst ist manches nahrhafte historische Gericht
36
mitaufgetischt.
S. 236
Tellern
Wilhelm Abraham Teller
Starck,
Freymüthige Betrachtungen über das Christenthum
, zur falschen Titelnennung vgl.
HKB 594 ( IV 202/33 ) Hier hörte ich
Tellern
als den Verfaßer der „freimüthigen Nachrichten“
2
nennen.
3
Ach, daß die Himmel sich über Ihnen aufthuen und Gott Ihnen zeige
4
Gesichte und der Geist des Ewigen Sie ergreife zu einer neuen mächtigen
5
Prophezeiung über Gegenwart und Zukunft des bösen und ehebrecherischen
6
Geschlechtes!
7
Waser … nächster Verwandter
Johann Heinrich Waser
(sie waren Vettern); vgl. Hamanns Frage zum Hintergrund des Justizskandals
HKB 594 ( IV 203/5 ).
Mein unglücklicher Mitbürger
Waser
war mein nächster Verwandter. Sie
8
sollen von ihm wißen, was und wie ichs weiß.
9
Ein acht und dreißigjähriger sanguinisch-cholerischer Mann mit großen
10
mathematischen Talenten. Ohne Genie, ohne Grösse, Adel, Delikatesse,
11
Geschmack, Empfindlichkeit. In seinem Nacken eine eiserne Ader und durch sein
12
ganzes Wesen floß ein ungenießbarer herber Saft – unermüdet und
13
unermüdlich in seinem Lieblingsstudium. Ein Geist der Verwirrung, eine Sucht
14
sich zum Räthsel zu machen besaß ihn und Freude über Babelsverwirrung
15
und Furcht und Schrecken war eine seiner grossen Freuden – voll ungeheurster
16
Rache gegen seine Beleidiger – ein Gemisch von stolzer Grosmuth und
17
schändlicher Niderträchtigkeit, von Höflichkeit und beleidigender Härte und
18
Grobheit – – dieß ist Etwas von seinem Charakter.
19
Er studirte Theologie – ergab sich aber ganz der Mathematik und
20
Naturhistorie und nahm von Theologie nur so viel vom Wege mit, als er zu seiner
21
Ordination unentbehrlich brauchte. Er heurathete als wohlgewachsener
22
Jüngling ein etwas ältliches Frauenzimmer aus einer angesehenen Familie
23
mit einigen tausend Thalern und versenkte sich nun ganz in seine
24
Lieblingswissenschaften. Bald darauf bekam er eine Pfarre zunächst an der Stadt; hier
25
sezte er sich gewißen Unordnungen in Verwaltung des Gemeinde- und
26
Allmosenguts mit derber Ungestümheit und beleidigendem Truz gegen
27
angesehene Personen entgegen – es gedieh’ zu einem Prozeß, den er, weil er seine
28
Sache nicht nach der Form Rechtens erhärten konnte, mit der Pfründe verlohr.
29
Mit diesem Momente zündete der Funke der grimmigsten Rache in seinem
30
Innersten, der sechs Jahre hindurch zur wüthendsten Flamme genährt jede
31
beßre Empfindung, Anmuth und Liebe seines Herzens verzehrte und sein
32
ganzes Wesen mit Bitterkeit und Grimm vollstopfte.
33
Er begehrte einige Male Revision seines Prozesses, was ihm aber
34
abgeschlagen wurde, weil unsre Geseze nur dann Revision bewilligen, wenn einer
35
vorher vergessene wichtige Umstände ins Recht bringen kann.
36
Durch Abschlag dieses oft sehr ungestümen Begehrens, durch einbrechende
S. 237
ökonomische Noth bei einer auf etwas hohen Fuß eingerichteten Haushaltung
2
und starkem Aufwand für mathematische Bücher und Instrumente – und
3
durch Fehlschlagen seiner Aussichten auf eine neue Stelle ward seine Rache
4
immer glühender, unauslöschlicher.
5
Nun ward er Statistiker, bekam als Mitglied der physikalischen und
6
oekonomischen Gesellschaft leichten Zutritt zu den Staatsarchiven, den er zum
7
Theil auch als Bürger hatte, durchwühlte alle Urkunden und Jahrbücher,
8
machte sich Auszüge und Resultats und ruhte nicht, bis er alle Geheimnisse
9
unsrer Republik mit allen alten und neuen Wunden und Eiterbeulen
10
grundaus und schärfer als keiner unsrer Staatsmänner kannte.
11
Zwo der ältesten und wichtigsten Urkunden, die man ihm zum Kollationiren
12
anvertraut hatte, verfluchte er sich zurückgegeben zu haben, drohte dem
13
Staatssekretair einen Prozeß anzuhängen, wenn er sie ihm noch einmal fordern
14
würde, sezte diesen dadurch in Todesangst und einen Stadtbedienten in
15
Gefahr abgesezt zu werden.
16
Zu den vorläufigen Befriedigungen seiner bittern Rache – der er im Stillen
17
ein grosses Fest bereitete, da er mit Adlergierde am Aas seiner Feinde sich
18
Aufsaz im Schlözerschen Briefwechsel
Der nach dem Entzug seiner Pfarre bei Zürich um sein Aktivbürgerrecht gebrachte Waser korrespondierte mit dem aufklärerischen Publizisten
Schlözer
in Göttingen und sandte ihm mehrere Aufsätze über die politischen Verhältnisse im angeblich freien Zürich, die dieser im Frühjahr 1780 im
Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts
veröffentlichte, woraufhin Wasers Haus durchsucht und er wegen Hochverrats verhaftet wurde. Es handelt sich dabei um folgende Aufsätze, die teils die Zürcher Obrigkeit durch Indiskretionen diskreditierten, teils statistisch bzw. politisch-arithmetisch argumentierten:
Ursprung und Beschaffenheit des Kriegs-Fonds in Zürich
, in:
Schlözer,
Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts
,
Tl. 6, H. 31 (Januar 1780), S. 57–61
. –
Schweizer-Blut und Franz-Geld politisch gegeneinander abgewoben von einem alten Schweizer
, in:
Schlözer,
Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts
,
Tl. 6, H. 32 (Februar 1780), S. 67–82
.
Bevölkerung des löbl. Cantons Zürich, in verschiedenen Zeitaltern
, in:
Schlözer,
Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts
,
Tl. 6, H. 32 (Februar 1780), S. 102–106
.
General-Etat der Bevölkerung der Hauptstatt und Landschaft Bärn, in vier General- und Special-Tabellen
, in:
Schlözer,
Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts
,
Tl. 6, H. 32 (Februar 1780), S. 120–123
.
Disputen in Zürich, pber das StatsRecht dieses Cantons, bei Gelegenheit der französischen Allianz
, in:
Schlözer,
Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts
,
Tl. 6, H. 33 (März 1780), S. 151–196
.
sattfressen wollte – gehört sein Aufsaz im Schlözerschen Briefwechsel, der,
in
19
thalamo
gesagt, viel Wahrheit, aber übertriebene, hämischgesagte Wahrheit
20
enthält! Dieser Aufsaz, den man bey der zweiten Zeile niemandem als ihm
21
zuschreiben konnte, gab Gelegenheit ihn in Verhaft zu nehmen und
22
Hausvisitation zu halten, wo man denn die abgeläugneten Urkunden in dem Schrank
23
seiner Magd unter alten Kleidern verstekt, einige bittere, verdächtige Aufsäze
24
und einige entwendete Bücher, Instrumente, Kupfertafeln, Handrisse etc.
25
fand.
26
Einige Tage vor seinem Verhaft sagten ihm seine Freunde: „Keine Seele
27
kann den Aufsaz im Schlözerschen Briefwechsel gemacht haben als du – es
28
zieht ein Wetter über dich zusammen – hast du Schriften die du nicht gern
29
sehen lässest, so verbrenns, oder gieb sie uns in Verwahrung – am beßten,
30
du würdest dich selbst auf einige Tage entfernen. – – –“ Er verachtete die
31
Warnung mit lachendem Truz.
32
am 21. Nov.
33
Nach seinem misglükten Versuche zu entfliehen – er ließ sich an zerrißenen
34
Bettüchern drei Stockwerke vom Rathause, welches seine erste Gefangenschaft
35
war, in den Limmatfluß hinab, die Strike zerrißen auf halbem Wege und er
36
ward aufgefangen – nahm er seinen Tod für gewiß und da er ihn einer ewigen
S. 238
Gefangenschaft weit vorzog, so richtete seine Aussagen in den Verhören
2
darauf ein. Er bekannte, sein Vorsaz sey gewesen, so bald er fremde Dienste
3
großes chronologisches Werk, das nun würklich bey Orell gedruckt
Waser,
Historisch Diplomatisches JahrzeitbuchHistorisch Diplomatisches Jahrzeitbuch
haben würde – die er durch ein großes chronologisches Werk, das nun würklich
4
bey Orell gedruckt ist, zu bekommen hofte – seine erworbenen Staatskenntniße
5
Beleidiger … Frau
Nicht ermittelt; der Bruder von Wasers
Frau Anna Kleophea
war bspw. Vogt zu Regensberg, vgl.
Historisches Familienlexikon der Schweiz
.
und die entwendeten Urkunden zum Verderben seiner Beleidiger – die nahe
6
Verwandte seiner Frau waren – und zur schreklichen Verwirrung seines
7
Vaterlandes geltend zu machen. Im Fall ihm dieses fehlschlüge, so habe er seine
8
Lebensgeschichte … an Schlözern
Schlözers
publizierte sie nie, vgl.
Hentschel:
Der Waser-Handel im Spiegel der deutschen Literatur,
S. 186
Lebensgeschichte voll alles in Aufruhr sezender Anekdoten aus den
9
Geheimnißen des Staats und voll bitterer Charakterisirung einiger verstorbenen und
10
lebenden Regenten an Schlözern gesandt, daß sie nach seinem Tode gedruckt
11
werde, um sich unfehlbar früher oder später gerächet zu wissen.
12
Zween Tage vor seinem Tode bekam ich von unserm Konsul die Erlaubniß,
13
Vaters
Heinrich Waser
ihn zu besuchen und ihm den Abschied seines Vaters – meines Onkels, – seiner
14
Frau
Anna Kleophea Waser
Frau, Kinder und Geschwister zu bringen. Er äußerte die tiefste Traurigkeit
15
darüber, daß er sie alle in solchen tiefen Jammer gestürzt habe. Aber in
16
Ansehung seines Verbrechens blieb er bis auf den Schwerdschlag hart darauf,
17
alles was er gethan und thun wollte sey durch Ungerechtigkeit abgedrungene
18
Nothwehr gewesen und seine Richter haben die grössre Sünde. Eben dieß
19
Lavatern
Johann Caspar Lavater
; zu Lavaters seelsorgerischen Bemühungen in Wasers letzten Stunden und seinen Veröffentlichungen darüber vgl. den Kommentar in
JCLB
behauptete er auch gegen Lavatern, der in seinen letzten Stunden bey ihm war.
20
Sonst bekannte er sich einen Sünder – aber seine Busse war so gemein, so
21
roh, so bürgerlich, so ohn alle Empfindung und Delikateße, wie je des
22
gemeinsten Delinquenten. Seine Kenntniß des Christenthums reichte nicht über
23
das altorthodoxe System hinaus. Zum Bibelstudium hatte er nie den
24
mindesten Hang. In den lezten Jahren, als ihn der Krebs der Rache halb
25
durchgefressen, neigte er sich stark, was er mir oft sehr deutlich merken ließ, zu
26
einem kraßen Deismus hinüber und verachtete seinen Orden.
27
Am 27.
May
Jun.
war sein Todestag. Er hörte die Ankündigung, daß
28
er enthauptet werden sollte, im Gefängniß ruhig an, sprach noch übers
29
Mittagessen mit seinem Wärter und mit Lavatern von verschiedenen Dingen so
30
nonchalant, wie wenn er einen kleinen Spaziergang vors Thor zu machen
31
gedächte – gieng seinen Todesgang mit muthigem Schritt und noch nie gesehener
32
Standhaftigkeit – frug den Scharfrichter noch, ob er ihm bequem auf dem
33
Stuhl size? bethete laut und empfieng den Streich.
34
Ich lege Ihnen hier das Urtheil bey, das ihm bey seiner Hinführung auf
35
den Richtplatz vom Rathaus herab vorgelesen wurde.
36
Angestrengter Glaube an unbedingte Prädestination seines Schicksals – die
37
Empfindung, wenn er auch bei Leben bliebe, keine ehrenvolle Rolle in der Welt
S. 239
mehr spielen, keinen Faden seiner Projekte mehr aufknüpfen zu können –
2
wie Simson … Leben
Ri 16,30
Eitelkeit, auf eine eklatante Weise zu sterben und wie Simson durch seinen
3
Tod seinen Feinden weher zu thun als durch sein Leben – dieß waren, wie mir
4
mehr als wahrscheinlich ist, die Hauptstüzen seiner Standhaftigkeit und seines
5
die ganze Stadt in Erstaunen sezenden Muthes.
6
Die zu Schafhausen, Berlin und in Iselins Ephemeriden
7
Schafhausen … Nachrichten
Nicht ermittelt, mglw. ist Lavaters in Schaffhausen erschienene Schrift
Wasers des unglücklichen Briefe an seine Verwandten, und einige sein Schicksal betreffende kleine Schriften
gemeint.
Berlin … Nachrichten
Nicht ermittelt, mglw. ist die Berlin erschienene Schrift
Merkwürdige Schriften und Anecdoten von dem am 27. May 1780 in Zürch enthaupteten Prediger Heinrich Waser
gemeint.
Iselins Ephemeriden
vgl. den Aufsatz in den ‚Historischen Nachrichten‘ über Wasers Hinrichtung in
Iselin,
Ephemeriden
,
2. Hj. 1780 (Oktoberheft), S. 442–464
.
herausgekommenen Nachrichten sind unzuverläßig und in Absicht auf Charakter viel zu
8
Unterredung …
vgl. die Schilderung der Abschiedsunterredung
Wasers
mit seinen Söhnen in
Iselin,
Ephemeriden
,
2. Hj. 1780 (Oktoberheft), S. 452–460
, in der er merkwürdig einsichtig in seine Verbrechen erscheint.
geschmeichelt. In den Ephemeriden ist die Unterredung mit seinen zween
9
Knaben, von denen der jüngste bis nach dem Tode seines Vaters in meinem
10
Hause war, ziemlich getreu erzählt.
11
Lavater … an Göthe gesendet
Lavater
an
Goethe
, vgl.
HKB 600 ( IV 220/23 ); die Materialien befinden sich nicht in Lavaters ediertem Briefwechsel mit Goethe (vgl.
JCLB
), Lavater verwendete sie aber für seine Publikation
Wasers des unglücklichen Briefe an seine Verwandten, und einige sein Schicksal betreffende kleine Schriften
.
Lavater hat sehr genaue und ausführliche Nachrichten von dem ganzen
12
Prozesse gesammelt auch seine letzte Unterredung mit Wasern aufgeschrieben
13
und an
Göthe
gesendet.
14
W.
Wasers
Merkwürdig ist, dass sehr rechtschaffene und weise Männer unter W.
15
Richtern nachdrücklich für sein Leben sprachen – merkwürdig, daß er nicht hätte
16
sterben müßen wenn sein Urtheil ein paar Wochen später gesprochen worden
17
wäre. So nemlich: unser Rath ist in den alten und neuen Rath abgetheilt,
18
der alle halben Jahre in der Regierung wechselt. Der neue Rath ist eigentlich
19
Malefizrichter, obgleich der alte Rath seine Stimme auch dahin geben kann,
20
ob das Verbrechen todwürdig sey, oder nicht? In diesem alten Rath gabs
21
mehr Stimmen zum Leben als zum Tod – und in ein paar Wochen wäre der
22
alte Rath der neue Rath geworden.
23
Noch ein paar Züge aus dem Charakter meines unglücklichen Vetters.
24
Als Pfarrer that er seine äussern Pflichten mit der größten Genauigkeit,
25
mit dem schärfsten Eifer. In der Theurung von 70. 71. 72. wandte er sein
26
ganzes Einkommen und noch ein Beträchtliches von seinem Vermögen zur
27
Unterstüzung seiner nothleidenden Pfarrkinder an.
28
Es kamen, als er schon seiner Pfarre entsezt und oft selbst in grosser,
29
oekonomischer Noth war, arme Bürger zu ihm. Er gab ihnen alles, was er
30
zusammenbringen konnte und empfahl sie aufs nachdrücklichste seinen
31
Bekannten.
32
Von dem Vermögen seiner Frau gab er vor einige hundert Thaler an
33
Interesse zu legen, machte seiner Frau zwo falsche Obligationen und kaufte sich
34
aus dem Geld mathematische Instrumente.
35
Ein reicher Herr rühmte eine elektrische Maschine, oder was es war, das
36
Waser für viel Geld gekauft und dem Herrn für einige Zeit geliehen hatte –
37
Schnell drangs Waser dem Herrn als ein Präsent auf.
S. 240
Für seine Arbeiten bei der phisikalischen Gesellschaft wollte ihm die
2
Gesellschaft ein ansehnliches Geschenk machen. Er schlug es stolz aus mit dem
3
Worte: „Es thut mir leid, wenn die Herren glauben, ich arbeite um Geld.“
4
Eben dieser Gesellschaft mangelte ein Telescop – aus kostbaren botanischen
5
Röslers Insektenbelustigung
Rösel,
Insecten-Belustigung
Werken und aus Röslers Insektenbelustigung waren Kupfertafeln
6
herausgeschnitten. Waser machte die Gesellschaft zuerst aufmerksam darauf, wollte
7
vor Ärger fast von Sinnen kommen, stampfte und fluchte wie ein Rasender –
8
und bei der Hausvisitation fand sich alles bei ihm.
9
am 22. Nov:
10
Ich hätte würklich die Unverschämtheit gehabt, Ihnen das dritte Bändchen
11
der Predigten zu senden, wenn Sie auch nicht so gütig wären, es zu erwarten.
12
Noch ist aber kaum ein Fünftel ins Reine geschrieben – ich konnte erst im
13
Jun. anfangen und werde oft Wochen lang unterbrochen.
14
Therese Czartoriska
Teresa Czartoryska
Therese Czartoriska
war eine junge pohlnische Gräfin von
15
Mutter
Izabela Czartoryska
außerordentlicher Schönheit die vor einigen Monaten während dem ihre Mutter
16
niederkam am Kamin von der Flamme ergriffen unter fürchterlichen Schmerzen
17
Graf Cheruski
Severin Graf Rzewuski
nach einigen Tagen starb. Ihr Schwager, Graf
Cheruski,
der vor einigen
18
Wochen hier durchreißte, erzählte die Trauergeschichte Lavatern, der dadurch
19
diesem Gedichte
Lavater,
Therese Czartoriska
zu diesem Gedichte begeistert wurde.
20
Cheruski
Rczewusky
ist einer der ausgebildetsten, vielwissendsten,
21
feinsichtigsten Männer – ein passives Genie, wie ihn Lavater nennt. Er
22
reißt, um das tiefste Leiden seines Herzens zu vergessen, oder zu lindern.
23
Er kennt die geheimsten Maximen und Triebfedern des Petersburger- und
24
Wienerhofes – ist ein Vertrauter seines Königs, dessen Nachfolger er einst
25
werden kann und fühlt die zerrissene Verfassung seines Vaterlandes mit hohem
26
Ingrimm. Er drang in Lavatern, ihm alles gerade herauszusagen, was er aus
27
seiner Physiognomie von ihm wisse und ahnde.
28
Laßen Sie mich noch so unverschämt seyn, Ihnen hier ein kleines
29
Kampfspiel beizulegen, das ich im lezten Jahr meines Junggesellenstands für
30
Lavatern und meinen Glauben kämpfte. Izt bin ich auf dem Dornenacker, im
31
Schweiß meines Tagwerks ein wenig zahmer geworden.
32
Kaufmann
Christoph Kaufmann
Kaufmann geht im Frühjahr mit Weib und Kind nach Schlesien zu
33
Haugwiz. Er hat eine sonderbare Komödie in der Schweiz gespielt, deren
34
Knoten ihn nun so enge um den Hals würgt, daß er ihn kaum wird lösen
35
können. Alle seine Freunde hat er von sich, sich von allen seinen Freunden
36
entfernt. Ungemessener Ehrdurst und Herrschsucht ist sein Wurm, der nicht stirbt.
S. 241
Ich kannte ihn von seinem zehnten Jahre und lernte mit ihm unter Einer
2
Ruthe Latein.
3
Aber nun sind Sie des langen Geschreibs herzlich satt – verzeihen Sie!
4
Ach, daß es mir einmal in meinem Leben so gut würde, Ihr Angesicht zu
5
sehen! aber das ist Einer der Wünsche, die ich in meinem Innersten bis auf
6
den Anbruch der
καιρων αναψυξεως
versiegle.
7
Lassen Sie mich Ihrem väterlichen Andenken empfohlen seyn.
8
Der todt war und lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit sey mit Ihrem Geist!
9
Ich lege meine Stirn auf Ihre Hand und bleibe mit warmer Sohnestreu
10
Ihr ganz ergebener
11
Johann Caspar Häfeli.
12
Vermerk von Hamann:
13
Erhalten den 9
Jul.
781.
Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1943. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2553 [Gildemeisters Hamanniana], I 32.
Bisherige Drucke
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, II 312–318.
ZH IV 234–241, Nr. 606.
Zusätze fremder Hand
|
241/13 |
Johann Georg Hamann |
Textkritische Anmerkungen
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch
geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind
vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden
vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter
Quellen verifiziert werden konnten.
|
240/20 |
Rczewusky |
Laut ZH von Hamann über „Cheruski“ geschrieben; in ZH im Apparat. |