594
200/30
Königsberg 30
Junii
80.
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letzten May … Zuschrift
HKB 585
Den letzten May bin ich mit Ihrer Zuschrift und Gaben erfreut worden, die
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ich längst zu sehen gewünscht, aber keine Gelegenheit dazu gehabt. Ich bin
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nicht im Stande zu kaufen
wegen des Niedergangs des
Kanterschen Buchladens
und des Zerwürfnisses mit
Gottlieb Leberecht Hartung
izt nicht im Stande zu kaufen und muß meine Neugierde durch lauter krumme
S. 201
Wege und die Mildthätigkeit andrer befriedigen. Mein aufrichtiger Dank ist
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zugleich ein Anspruch auf das Ende des Werks.
3
merkurialische Auflösung
Häfeli,
Eines Ungenannten Antwort
Misverständnisse des Verfassers
Hamann hielt zunächst
Herder
und dann
Johann Jakob Stolz
für den Verfasser
Ihre merkurialische Auflösung gab zu einem Misverständnisse des
4
Verfassers und zu einer außerordentlichen Gährung in meinem Gemüthe Anlaß.
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Es ist mir daher angenehm, den
rechtsschuldigen
gleichfalls für einen
6
Freund
in petto
zu erkennen. Ich erhielt zu Anfang des 777 Jahrs meinen
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gegenwärtigen Posten und zugleich die bewußten Stücke des Merkurs. Unter
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dem Einflus der drey Sieben überfiel mich eine Art von Nymphomanie zu
9
einer ganz wunderlichen Ausarbeitung, über die ich lange nachher gebrütet,
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Schürze von Feigenblättern
Hamann,
Schürze von Feigenblättern
aber gänzlich aufgegeben habe.
Schürze von Feigenblättern
war der Titel;
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und die Abschnitte
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1. Nachhelf eines Vocativs, über das verhunzte Genus des Worts Glocke
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in des lieben Asmus Erzählung vom Nachtwächter und Bürgermeister.
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2. Charfreitagsbuße für Capuziner.
15
Brücke ohne Lehne
die Formulierung in
Häfeli,
Eines Ungenannten Antwort
, S. 218, nach deren Bedeutung Hamann so lange suchte, vgl.
HKB 585 ( IV 173/17 ) 3. Die Brücke ohne Lehne.
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In dem zweyten Theil sollte eigentlich das Thema ausgeführt werden – aber
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patriae cecidere manus.
18
Wenige Tage …
Es folgt Hamanns einzige erhaltene Erklärung, was er mit der ‚Brücke ohne Lehne‘, dem dritten Teil der
Schürze von Feigenblättern
, gestalten wollte, vgl.
HHE 5
, S. 305f.
Wenige Tage vor Erhaltung Ihrer gütigen Zuschrift laß ich in Luthers
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„vom Ritter Kondalo
Nach
Luthers
Paraphrase einer Szene aus der mittelalterlichen
Visio Tnugdali
(Tundalus) in seiner Wochenpredigt zu
Mt 7
, in:
Luther,
Schriften (Jena 1555–1558)
, Bd. 5, fol. 468r (vgl. WA 32, S. 502f.)
Schriften „vom Ritter
Kondalo
auf einer schmalen Brücke, mit einer Last
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auf dem Rücken, unter sich einen schweflichten Pfuhl voll Drachen und
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einen, der ihm entgegen kömmt“ – Auslegung des
VII.
Kap. Matheus. Da
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glaubte ich ganz gewiß den Schlüßel zu mir selbst gefunden zu haben.
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Aber auch bei Ihnen – scheint das Sprüchwort nicht zu treffen; daß jeder
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der Beßte Ausleger seiner Worte ist. Denn ohne den Sprung vom
Stehen
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zum
Vorangehen
zu rechnen: so sagt Paulus nicht, wer steht (ich meine
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I.
Kor.
X.
12.) sondern:
wer sich läßt dünken, er stehe
. Ein solcher
Dünkel
27
zu stehen
, = seiner Sachen gewiß zu seyn, kann freilich leicht ein innerer Zug
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werden, oder jemanden verleiten, ein Anführer,
Vorgänger
und Autor zu
29
seyn: aber dieser
Dünkel
ist allerdings eine
Brücke ohne Lehne
(besonders
30
französischen Übersetzung
garde-fou
nach einer französischen Übersetzung des letzten Worts) bey der man sich hüten
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muß vor einem Fall. Diese
Vermeßenheit
zu sagen: Er ist es, und die Zeit
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Wüsten … Kammer
Mt 24,26
ist herbei kommen – Siehe Er ist in der Wüsten – Sieh er ist in der Kammer –
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ist eine charakteristische Erinnerung und Warnung für diejenigen,
εις ους τα
34
εις ους τα …
1 Kor 10,11
τελη των αιωνων
κατηντησεν
„auf welche das Ende der Welt gekommen
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ist.“
S. 202
Den 2
Jul.
Dom.
VI.
2
Ich bin tagtäglich unterbrochen worden und augenblicklichen Zerstreuungen
3
ausgesezt. Es geht mir sehr oft, daß ich meine eigne Hand nicht lesen kann, und
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mir wird bey dem, was ich selbst geschrieben so übel und weh als dem Leser,
5
weil mir alle Mittelbegriffe, die zur Kette meiner Schlüße gehören, verraucht
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sind und so ausgetrocknet, daß weder Spur noch Witterung übrig bleibt.
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Ich habe mich in eine solche Manier zu schreiben hineinstudiert, die mir weder
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selbst gefällt, noch natürlich ist – und weil von St. Paulo die Rede ist, so
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wünschte ich auch lieber fünf Worte im Publico mit meinem Sinn, denn sonst
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10000 Worte mit Zungen und dem Geist. Unterdeßen muß jeder Vogel mit
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dem Wuchs seines Schnabels zufrieden seyn.
12
Hr. Lavater
Johann Caspar Lavater
Entschuldigen Sie mich bey unsern
gemeinschaftlichen Freunden
, – Hr.
13
zwey Scherflein erhalten haben
Hamann,
Zwey Scherflein
, vgl. die Adressatenliste
HKB 580 ( IV 166/21 ) Lavater wird zwey Scherflein erhalten haben, und da Sie einigen Antheil an
14
S. 22 statt unwahrhaft
Gemeint ist, dass Häfeli im Erstruck der
Zwey Scherflein
auf S. 22 anstelle von „unwahrhaft“ lesen soll: „unnahrhaft“; vgl.
HKB 592 ( IV 191/17 ) meiner Autorschaft nehmen, so bitte allenfalls S. 22 statt
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S. 29 statt Fiktionen …
Hamann,
Zwey Scherflein
, N III,241/37, vgl.
HKB 580 ( IV 168/5 ) und
HKB 592 ( IV 191/18 ) Note 14
Im Erstdruck der
Zwey Scherflein
(wie auch im Manuskript an Herder) ist Anm. 14 auf S. 25 ohne Fußnotenanker im Text; vgl.
HKB 592 ( IV 197/4 ) und N III,240/27 u. 38.
unwahrhaft und S. 29 statt Fiktionen, Fraktionen zu lesen. Note 14 gehört zu den
16
Worten grade und krumme Grundstriche S. 26. Jemanden, der mich um den
17
Hiob XXXIX. 30
Hiob 39,30
Sinn der lezten Worte Hiob
XXXIX.
30. frug, wußte ich nicht beßer als
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mit dem
weisen Rath
zu antworten, den Sie im zweiten Bändchen dem
19
Sucher
geben S. 235.
a)
20
Prediger Wanowski
Stephan Wannowski
Prediger Wanowski, den ich in langer Zeit nicht gesehen, besuchte mich
21
christlichen Magazins
Pfenninger,
Christliches Magazin
neulich und klagte nicht mehr als drey Exemplare des christlichen Magazins
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verkauft zu haben. Die Schuld liegt nicht an mir, ohngeachtet der Unterschied des
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Ladenpreises ansehnlich ist.
24
Ich hatte keine Hofnung einen einzigen Subscribenten zu den
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Schellenbergschen Prospekten
Schellenbergs
Schweizerprospekte
, die Hamann in
KGPZ
, St. 88, 4.11.1779 annoncierte und deren Exemplare er nach einer Sendung durch
Kaufmann/Ehrmann
in Königsberg vertrieb, vgl.
HKB 569 ( IV 125/11 ) und
HKB 582 ( IV 170/27 ).
Schellenbergschen Prospekten zu erhalten und bekam über vierzig. Aber bey der
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Fortsezung möchte die Hälfte einschmelzen. Ich habe den 27 das lezte Geld
27
bekommen und noch denselben Tag meine ganze Einnahme an das hiesige
28
Friedländische Comptoir
Das
Friedländersche Comtoir
, über welches die Exemplare geliefert wurden, vgl.
HKB 585 ( IV 173/37 ) Friedländische
Comptoir
abgeliefert um den Rest abzumachen. An Herrn
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Schellenberg
Johann Rudolph Schellenberg
Schellenberg kann aber nicht eher schreiben, bis ich genauer die nöthigen
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Exemplare bestimmen kann. Denn die meisten haben an keine Fortsezung gedacht.
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Von der Ostermeße habe noch wenig gelesen, als Näschereien, die mir der
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Zufall in die Hände gespielt. Der eine hiesige Buchladen ist leer und der
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freimüthigen Nachrichten
Starck,
Freymüthige Betrachtungen über das Christenthum
andre für mich verschloßen. Der Verfaßer der freimüthigen Nachrichten ist
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mir noch unbekannt, das Buch selbst aber früher als andern zu Theil worden,
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weil es unmittelbar an einen unsrer Magnaten eingeschickt wurde. Wozu
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Freimüthigkeit
, lauter Dinge, nach denen die Ohren jucken und die
publici
37
saporis
sind, gangbar zu machen! Bey der gegenwärtigen Lage ist
S. 203
Freimüthigkeit weder Tugend noch eine Kunst. Ich bin gewiß, daß sie ihnen selbst
2
am Ende nachtheilig seyn wird, und daß sie ihre eigne Schande ausschäumen
3
werden. Eine solche falsche Freimüthigkeit sollte mit mehr Zurückhaltung
4
beantwortet werden von den Gegenfüßlern.
5
Geben Sie mir doch, wenn es mit gutem Gewißen geschehen kann, einiges
6
Verbrechen Ihres Mitbürgers
der Justizskandal um die Hinrichtung von
Johann Heinrich Waser (geb. 1742)
, vgl.
HKB 606 ( IV 236/7 ) Licht über den Charakter und das eigentliche Unglück, oder Verbrechen Ihres
7
vox in deserto … Kammer
Mt 24,26
Mitbürgers. Es soll
vox in deserto
und
in thalamo
seyn „Stimme in der
8
Wüste und in der Kammer“ und nicht für die Gemeine.
9
Ich habe wirklich die Unverschämtheit das
dritte
Bändchen Ihrer
10
Predigten zu erwarten, und darum zu bitten. Weil ich mehr Glück Schuldner als
11
Gläubiger zu seyn habe: so muß ich meine Neigung zum letztern je länger je
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ungerechten Haushältern
in Umkehrung des Gleichnisses bei Lk 12,42–48
mehr verlängern. Bey den ungerechten Haushältern unsers klugen
13
Jahrhunderts noch in die Schule zu gehen, bin ich leider! zu alt; denn so Gott will!
14
schließ ich den 27 dieses August mein funfzigstes Jahr. Ein
bene latuit, bene
15
vixit
„wohl verborgen, wohl gelebt“ ist immer mein Wahlspruch gewesen.
16
Weib
Anna Regula Häfeli
Leben Sie nach Herzenswunsch mit
Weib und Kind
! Gott schenke Ihnen
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καιρους αναψυξεως …
Apg 3,20
nach schwülen Tagen auch jene
καιρους αναψυξεως απο προσωπου του κυριου
18
jene Zeiten der Erquickung von dem Angesicht des Herrn! Behalten Sie im
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geneigten Andenken Ihren ergebenen Freund und Diener
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Johann Georg Hamann
Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1943; zugrunde lag eine Abschrift von Häfeli. Letzter bekannter Aufbewahrungsort der verschollenen Abschrift: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], III 18. Original ebenfalls verschollen.
Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, VI 149–153.
ZH IV 200–203, Nr. 594.
Textkritische Anmerkungen
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch
geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind
vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden
vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter
Quellen verifiziert werden konnten.
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201/19 |
Kondalo ]
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Geändert nach Druckbogen 1943 (so auch bei Roth); ZH: Tondalo |
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201/34 |
κατηντησεν ]
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Geändert nach Druckbogen 1943; ZH: κατηντηκεν |
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202/1 |
Jul. Dom. |
Druckbogen 1943: Jul : en ; der Textfehler geht wohl nicht auf Hamanns Handschrift zurück. |