630
325/14
Der Briefteil Hamanns wurde chronologisch und von der Seitenreihenfolge her nach
Kreutzfelds
Billet geschrieben,
s.u.
, und zwar auf den Innen- sowie auf der Rückseite des Briefbogens. – Kontext von beiden Briefen ist die Übersendung der Pränumeranten für
Voß’
Odyssee-
Übersetzung,
die seit 1779 angekündigt war und für die Kreutzfeld Pränumeranten in Königsberg sammelte, vgl.
HKB 616 ( IV 281/25 ).
HöchstzuEhrender HErr und Freund,
15
Billet-doux
eigentlich Liebesbrief (wörtlich ‚süßer Zettel‘), von Hamann häufig für allerlei kurze Briefe verwendete Bezeichnung
Bin Ihnen schon lange etwas mehr als ein
Billet-doux
schuldig, oder
16
als ein
Postscript.
Nunmehr kann ich es
N
nicht
unterlaßen wenigstens
17
Freunde … Auftrage
Kreutzfeld, der in Königsberg Pränumeranten für
Voß’
Odyssee-
Übersetzung,
sammelte, vgl.
HKB 616 ( IV 281/25 ); ein weiterer Briefwechsel zwischen Kreutzfeld und Voß ist nicht überliefert; vgl. aber die Liste von elf Pränumeranten im
„Verzeichnis der Pränumeranten und Subskribenten“
, darunter „Packhofverwalter Hamann“ „Prof. Kreuzfeld“.
dies
vacuum
auszufüllen
.
Sie haben meinem Freunde bey Ihrem Auftrage
18
einen
guten Willen
zugetraut, und an dem hat es wenigstens bey uns beyden
19
öffentliche Ankündigung hiesigen Zeitungen
Wohl in den
KGPZ
, nicht überliefert; Voß’
Odyssee
-Übersetzung war seit Frühjahr 1779 zur Pränumeration ausgeschrieben (vgl. etwa
Hamburgischer unpartheyischer Correspondent,
22.4.1779
), gemeint ist hier aber wohl die Neuinserierung im Frühjahr 1781 (vgl. etwa
HUC, 2.2.1781
).
nicht gefehlt, noch
daran
gelegen. Die öffentliche Ankündigung ist in den
20
hiesigen Zeitungen sogleich
beym
Empfang besorgt worden; aber in unsern
21
Gegenden herrscht eine große Kälte und Gleichgiltigkeit – und ein eben so
22
neruo rerum gerundarum
Dt. Nerv bzw. treibende Kraft der zu erledigenden Dinge bzw. aller Unternehmungen; nach der Redensart „Pecunia nervus rerum gerendarum“ (Geld ist der die treibende Kraft aller Unternehmungen) – demnach wohl gemeint: das Geld.?!?
großer Mangel am
neruo rerum gerundarum.
Doch diese beyden Uebel sind
23
so
epidemisch
, daß es nicht der Mühe lohnt Beweise davon anzuführen.
24
Prof. Kreutzfeld ist überdem ein schwächlicher, schwindsüchtiger Mann und
25
meine Lebensart so lichtscheu und Maulwurf ähnlich, daß ich niemals weder
26
Geschick noch Glück zu dergl. Aufträgen gehabt habe und
lieber,
ohne als
27
mit Auftrag, mich intereßire. Daher ich Ihnen
in petto
gedankt, daß Sie
28
mich damit verschont. Wünschte, daß Sie in Curl.
u Liefl.
glücklicher
29
gewesen, wohin ich auch einen Wink gegeben, wiewol auch da meine
30
Verbindungen von keiner Bedeutung sind.
31
Sohn den Homer
die
Homer
-Lektüre auf Altgriechisch mit
Johann Michael Hamann
, vgl.
HKB 625 ( IV 313/36 ) Da ich gegenwärtig mit meinem Sohn den Homer lese, und nichts als
32
ein Laye in dieser Sprache bin: so freu ich mich auf Ihre Arbeit und wünschte
33
Ausgabe Ihrer Erklärungen
Voß’
Odyssee-
Übersetzung sollte einem älteren Plan zufolge mit umfangreichen gelehrten Anmerkungen erscheinen; in der Buchausgabe von 1781/82 befinden sich nur kurze Anmerkungen zum Verständnis. Hamann sich wohl auf öffentliche Ankündigungen, etwa im
HUC, 2.2.1781
schreibt Voß: „Die zurückgenommenen Untersuchungen über die Kenntniße, Sitten, Gebräuche und Fabeln der Homerischen Welt werde ich genauer ausarbeiten, und in jenes für den Menschenforscher sehr wichtige Zeitalter so weit gehen, als meine Kräfte und Hülfsmittel verstaten. Nach einigen Jahren hoffe ich diese vollständige Erklärung der Odüßee heraus geben zu können.“
besonders die Ausgabe Ihrer Erklärungen zu erleben, wozu Sie Hofnung
34
gemacht und wovon ich mich erinnere bereits Proben gelesen zu haben.
S. 326
Was macht Herr Boie? Wo und wie lebt Er
jetzt.
Ich bin ihm noch eine
2
Antwort schuldig
So schreibt es Hamann bereits 1779, vgl.
HKB 550 ( IV 69/3 ); mglw. bezieht es sich noch auf dessen Aufforderung zur Mitarbeit am Musenalmanach
Antwort
schuldig
– weil
ich gar nicht im stande gewesen bin Sein Verlangen
3
römische Kayser …verliert
nach dem Sprichwort ‚wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren‘
zu
erfüllen
.
,
und ich mich in dem Falle befinde, wo auch der römische Kayser
4
sein Recht verliert. Empfehlen Sie mich bestens Seinem geneigten Andenken,
5
und melden Sie ihm wenigstens, daß ich auch meiner alten Schuld noch
6
eingedenk bin, Trotz meinem höchst unglücklichen Gedächtnis, das sich noch
7
schlechter, wie die Butter in gegenwärtiger Jahreszeit hält.
8
Bey aller langen Weile die mich qvält, und bey der ich von einem Buch
9
zum andern taumele, wie sie mir der Zufall in die Hände spielt, weiß ich
10
bisweilen nicht wo ich meine Zeit hernehmen soll mein Tagewerk zu bestreiten.
11
Lucubriren
nächtliches Studium
Das Lucubriren und früh aufzustehen verbietet mir mein Alter und meine
12
Schlafsucht, die mit jenem zu wachsen scheint.
13
Vergeben Sie mir, HöchstzuEhrender Herr und Freund, daß ich Sie so
14
treuherzig mit den
Antithes
en meiner Bedürfniße und Umstände unterhalte.
15
Ich habe heute meinen jährlichen Kirchengang gefeyert, und da ich diesen
16
ganzen Sommer noch nicht aus dem Thor gewesen, so
bin in
Gedanken
17
reisefertig eine nah liegende Papiermühle mit meinen 4 Kindern und ihrer
18
Mutter
Anna Regina Schumacher
molimina
Bemühungen
Mutter zu besuchen auf einen oder anderthalb Tage. Die
molimina
und
19
Entwürfe zu dieser großen Wallfahrt
dati
ren
sich seit Ostern her – von
20
Freund und Gevatter
Johann Jakob Kanter
meinem alten Freund und Gevatter, gewesenen Verleger und Lotterie-Director,
21
nunmehrigen Papiermüller, Schriftgießer und Erbherren von und zu
22
Trautenau Johann Jakob Kanter – deßen
Bothschaft
oder Fuhrwerk ich alle
23
Augenblick vermuthe.
24
heraklitischen Erfahrungen … ΘΕΟΥΣ
Die Erfahrung, dass auch in der Küche Götter sind; nach dem Ausspruch des
Heraklit
„introite, nam et hic dii sunt“ (dt. „tretet ein, denn auch hier sind Götter“, überliefert bei
Aristot.
part. an.
, 1,5).
Mög es Ihnen doch an
häuslichen Freuden
– und an heraklitischen
25
Freund Asmus … Kindelbiere
Zwei von Voß’ Söhnen (Heinrich und
Wilhelm
) sind in denselben Jahren 1779 und 1781 geboren wie zwei Töchter von
Claudius
; Quelle ist Claudius’ nicht überlieferter Brief an Hamann von Mai 1781,
HKB 622 ( IV 303/11 ).
Erfahrungen
ειναι και ενταυθα ΘΕΟΥΣ
(: Freund Asmus Berichten zufolge
26
scheinen Ihre beyderseitige Kindelbiere ziemlich parallel zu laufen:) – nie
27
fehlen. Gott laße alles was er Ihnen bisher geschenkt und ferner schenken
28
wird, gedeyen zu Seiner Ehr und Ihrem Trost bey den Mühseeligkeiten des
29
wie das alte Griechenland, gröstenteils aus Kindern
In
Plat.
Tim.
, 22b erzählt Kritias, Solon sei auf einer Aegyptenreise von einem Priester darüber belehrt worden, dass die Griechen den Ägyptern gegenüber wie Kinder seien, da sie kein auf altehrwürdige Überlieferung gegründetes, mythisches Wissen hätten; vgl auch
Hamann,
Golgatha und Scheblimini
, N III,309/27.
Schul- und Autorstandes, denn unser Publicum besteht, wie das alte
30
betrogen seyn will
nach dem lateinischen Sprichwort ‚mundus vult decipi‘, vgl.
HKB 612 ( IV 263/22 ) Griechenland, gröstenteils aus
Kindern
.
,
und aus einer Welt, die
betrogen seyn will
.
31
– – Haud mihi vita
32
Est opus hac – et Valeas –
33
wenigstens gesunder und zufriedner als Ihr
34
ergebenster Freund und
35
Diener
36
Johann Georg Hamann.
37
den 23. Aug.
S. 327
Voran geht ein Brief Kreutzfelds:
2
21t Aug. 1781
Der Briefteil
Kreutzfelds
wurde auf der Vorderseite und auch chronologisch vor Hamanns Billet geschrieben.
Königsberg. den 21
t
Aug. 1781.
3
Hochzuehrender Herr,
4
Die hier
beiliegende
Assignation
ist mir so klein und unbeträchtlich, daß ich auch
5
zehn Pränumeranten
vgl. die Liste von elf Pränumeranten in
Voß,
Odyssee
,
„Verzeichnis der Pränumeranten und Subskribenten“
.
den geringsten Dank verbitte. Wenn ich statt dieser armseeligen zehn Pränumeranten,
6
ihrer hundert hätte gewinnen können, wie der Werth Ihres Werkes darauf Anspruch
7
machen kann, so hätte ich mich schon eher gerade an Sie gewandt, um Ihnen für den
8
ersten Auftrag zu danken, mit dem Sie mich vor einem Jahre beehrten. HE. Hamann
9
ist Zeuge, daß ich nicht aus Gleichgültigkeit die erste
Subscription
versäumt habe.
10
Einer von den widrigen Umständen war dieser, daß ich Ihre Zuschrift vom
23t
Sept.
11
Buchhändl. Hartung
Gottlieb Leberecht Hartung
, der für seine Unzuverlässigkeit in der Besorgung von Briefen und Päckchen bekannt war, vgl.
HKB 625 ( IV 311/1 ) 79 erst im Anfange des
Febr.
80 durch den Buchhändl.
Hartung
erhielt.
12
Uebrigens muß ich Sie versichern, daß HE. Hamann, der sich Ihnen empfehlen
13
läßt, Freundschaft und Achtung für Sie hegt; und daß ich ebenfals Ihr
14
Wohlwollen zu verdienen wünsche, können Sie leicht, wenn Ihnen etwas daran gelegen
15
ist, von ihm selbst erfahren.
Ihr ganz ergebenster
16
Kreuzfeld.
Provenienz
Krakau, Jagiellonenbibliothek, Slg. Autographa der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin (ehemalige Berliner Signatur: Sammlung Radowitz 5873).
Die Briefe von Hamann und Johann Gottlieb Kreutzfeld (21. und 23. August 1781) wurden auf demselben Briefbogen abgefasst und zusammen abgeschickt. Kreutzfelds Brief befindet sich auf auf der Außenseite des Briefbogens, Hamanns Brief auf den beiden Innenseiten sowie der Rückseite. Kreutzfelds Brief ist also chronologisch und von der Reihenfolge her der frühere.
Bisherige Drucke
ZH IV 325–327, Nr. 630.
Zusätze fremder Hand
|
327/2 –16
|
Johann Gottlieb Kreutzfeld |
Textkritische Anmerkungen
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch
geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind
vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden
vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter
Quellen verifiziert werden konnten.
|
325/16 |
N nicht ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: nicht |
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325/17 |
auszufüllen . |
Geändert nach der Handschrift; ZH: auszufüllen. |
|
325/20 |
beym ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: beim |
|
325/26 |
lieber, ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: lieber |
|
325/28 |
u Liefl. ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: u. Liefland |
|
326/1 |
jetzt. ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: jetzt? |
|
326/2 |
schuldig – weil ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: schuldig weil |
|
326/3 |
erfüllen . , ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: erfüllen, |
|
326/16 |
bin in ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: bin ich in |
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326/19 |
dati ren ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: datiren |
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326/22 |
Bothschaft ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: Botschaft |
|
326/30 |
Kindern . , ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: Kindern, |
|
327/2 |
Königsberg. den 21 t |
Geändert nach der Handschrift; ZH: Königsberg den 21. |
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327/4 |
beiliegende ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: beyliegende |
|
327/10 |
23t ]
|
Geändert nach der Handschrift; ZH: 23 |