644
369/29
H Herdern
Johann Gottfried Herder
, dessen Brief von
Anfang März 1782
dieser Brief Johann Georg Müllers einlag.
Weimar, den 3. März 1782.

30
Ich habe H Herdern gebeten, dies Briefgen an Sie, mein theurster Herr

31
Hamann! einzuschlagen. Aber siehe – die Feder entfällt mir! was soll ich

32
an
Sie
schreiben? Nehmen Sies für nichts, als ein Opfer der Verehrung u.

33
Liebe an, das ich Ihnen so gern persönlich brächte!

34
Per varios … rerum
Verg.
Aen.
, 1,204 (dort „per varios casus, per tot discrimina rerum“), dt. durch so mancherlei Unglück, durch so viel schwere Gefahren
Ich bin der Müller, dessen Namen Sie vermuthlich gehört haben.
Per varios

35
casus, per
multa discrimina
rerum
hat mich eine wohlthätige Hand von

S. 370
Schafhausen … hieher
Zu Müllers Lebensweg und Aufenthalt bei Herder in Weimar von Ende September 1781 und über den Winter hinweg bis Ende März 1782 vgl.
Aus dem Herder’schen Hause. Aufzeichnungen von Johann Georg Müller (1780–82).
Hg. von Jakob Baechtold (Berlin 1881)
.
Schafhausen, meiner Vaterstadt, nach Zürich, u. von hier durch sonderbare

2
Zürich
Müller wohnte 1779, bevor er nach Göttingen ging, bei
Johann Kaspar Häfeli
, auch mit
Lavater
und
Pfenninger
war er gut bekannt, vgl.
ebd., S. viii
.
Fügungen nach 1½ Einsiedlerjahren in Göttingen
hieher
geführt. In Zürich

3
lern
hörte ich zum ersten Ihren Namen nennen, seitdem lese ich Ihre

4
Schriften, u. hasche begierig auf, was ich davon finde. Noch schaue ich Ihren Geist

5
Wein … zerrissen
nach
Mt 9,17
u.ö.
nur von ferne – aber er winkt mir freundlich zu. Offt hat der Königliche Wein

6
meine alten Schläuche zerrissen, aber nun wird er alt u. schmeckt milder.

7
Nun, leider! denke ich bald weniger von Ihnen
zu
hören; denn in 14 Tagen

8
Last u. Hize
Mt 20,12
verlasse ich dieses geliebte Haus, u. kehre in mein Vaterland zurück, wo Last

9
u. Hize villeicht bald meinen Scheitel dörren werden. Aber das Andenken an

10
Herder u. gewiß auch an Sie wird mich offt kühlen. Kommen Sie bald selber

11
zu mir in eine stille Landpfarrey, u. theilen Sie mit mir, was ich habe. Ich

12
habe Ihnen eine heilige Hütte in meinem Herzen errichtet.

13
Grüssen Sie mir herzlich Ihre Frau u. Kinder, u. bringen Sie auch einen

14
oder zween Ihrer Söhne mit in die Schweiz. Gott gebe Ihnen viel frohe

15
Tage, langes Leben u. Segen, u. lasse Sie mich einst freudig umarmen! Ich

16
bin mit
unsterblicher Liebe
ganz der Ihrige

17
J. Georg Müller.


18
Vermerk von Hamann:

19
Geantw … April
HKB 647
Geantw. den 22 April –

Provenienz

Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1943. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Sammlung Warda (ohne Signatur).

Bisherige Drucke

ZH IV 369 f., Nr. 644.

Zusätze fremder Hand

370/19
Johann Georg Hamann

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
369/35
rerum
]
Im Druckbogen 1943:
verum
(vmtl. ein Druckfehler). ZH emendiert zu „rerum“, wohl dem Vergil-Zitat (siehe Stellenkommentar) und der Ähnlichkeit von „r“ und „v“ in Hamanns Handschrift folgend.