643
367/3
Vermerk von Hamann:

4
Herders Brief wurde wohl kurz vor
Johann Georg Müllers
Brief vom 3 März (
HKB 644
, der diesem Brief beilag) verfasst,
s.u.
Herders ‚Päckchen‘ kam am 19. März in Königsberg an (vgl. auch
HKB 646 ( IV 372/8 )
), die reitende bzw. fahrende Post brauchte zwischen Weimar und Königsberg in der Regel zwischen 10 und 20 Tagen, vgl.
HKB 586 ( IV 175/27 )
.
Erhalten den 19 März 82.


5
seit dem Jahr 82.
Hamanns
letzter Brief
kam an Weihnachten 1781 in Weimar an, vgl.
HKB 639 ( IV 362/9 )
.
Sind Sie verklungen, lieber H., daß seit dem Jahr 82. kein Laut, keine

6
beiden Stücke des Merk.
Herders Beiträge zum
Teutschen Merkur
vom November und Dezember 1781, die Herder mit
HKB 639 ( IV 361/10 )
mitschickte: Die
Hemsterhuis-Übersetzung von
Ueber das Verlangen
im
November-Heft, S. 97–122
und Herders Nachtrag
Liebe und Selbstheit
im
Dezember-Heft, S. 211–235
. Zu Hamanns Antwort auf die Hemsterhuis-Aufsätze vgl.
HKB 646 ( IV 373/33 )
.
Stimme von Ihnen herübergelangt ist? Die beiden Stücke des Merk. haben

7
Sie doch erhalten? HE. v. Blankenburg, der Verf. eines dicken Buchs über

8
den Roman, auch
selbst
eines eignen Romans, Mitverfaßer der
schön.

9
Bibl. der Wißenschaften hat die Bellettristische Dreustigkeit gehabt, sich beide

10
Stücke über Hemsterhuis, (auch wenn ich sonst etwas über ihn hätte) zu seiner

11
Uebersetzung der Schriften
Blanckenburgs Übersetzung der
Vermischten Philosophischen Schriften des H. Hemsterhuis
; die ersten beiden Teile erschienen 1782.
Uebersetzung der Schriften deßelben auszubitten; ich habe ihm noch nicht

12
geantwortet. –

13
3. Gespr. … Merk.
Herders Beiträge
Ueber die Seelenwandrung
, in:
Teutscher Merkur
, 1. Vj. 1782; Gespräch 1 und 2 im
Januar-Heft, S. 12–54
, Gespräch 3 im
Februar-Heft, S. 96–123
.
Hier sind 3. Gespr. über die Seelenwandrung, die im Jan. u. Febr. des

14
erwähnten berühmten Merk. gestanden haben. Sie beziehen sich auf ein

15
Schloßersches … delicti
Schlosser,
Ueber die Seelenwanderung
, vgl.
HKB 646 ( IV 373/31 )
, außerdem
HBGA
, Bd. 12, S. 196f.
Schloßersches Gespräch, das hier, so unwürdig es ist, sehr gepriesen worden,

16
u. weil Sie es vielleicht sonst nicht erwischten, als
corpus delicti
mitkommt.

17
Daß beim 3.
Gespr.
mich die Materie ermüdet hat, werden Sie selbst finden.

18
Ich wünschte zu wißen, wie Ihnen der Ton des Gesprächs gefiele.

19
Ehegestern Abend las mir Müller Ihre Rhapsodie in Kabbalistischer Prose

20
vor, die ich seit Jahr u. Tag nicht gelesen hatte; u. ich wurde dadurch neu

21
etwas … geschrieben
Herder,
Vom Geist der Ebräischen Poesie
erquickt. Ich schreibe jetzt auch etwas über die Poesie der Ebräer oder vielmehr

22
habe es geschrieben; es bleibt aber so tief unter Ihnen, daß ich mich selbst

23
schäme.

24
Neues weiß ich gar nichts zu schreiben, außer daß die Frau Gen. Sup. seit

25
Frau … Buchbinderin
Caroline Herder
, vgl.
HKB 646 ( IV 372/10 )
gestern eine Buchbinderin geworden ist u. die Gespr. über die Seelenwandr.

26
selbst geheftet hat. Sie dedicirt Ihnen den ersten Versuch ihrer neuen Kunst

27
u. Pfuscherei mit großer Ehrerbietung u. Liebe u. verspricht sich zu beßern. –

28
Reichart
Johann Friedrich Reichardt
; er war, wie aus dieser Briefstelle zu schließen, aber sonst nicht nachweisbar ist, zuvor in Weimar und reiste weiter nach Königsberg, wo er sich vom 10. Februar bis zum 17. April 1782 aufhielt und Hamann wiederholt besuchte, vgl.
HKB 646 ( IV 372/16 )
und
HKB 645 ( IV 370/29 )
.
Reichart ist bei Ihnen oder wird bei Ihnen gewesen seyn; seine Abreise

29
war zu schnell als daß ich etwas mitschicken konnte. Er ist ein treuer guter

30
Gesell, wenn er nur nicht so entsetzlich viel schriebe u. componirte. Ich
glaube
,

31
lieben Noth
Reichardt hatte als Hofkapellmeister eine gesicherte Stellung in Berlin, aber viel Muße für sonstige Publizistik (vgl. auch
HKB 631 ( IV 330/5 )
), 1782 erschienen zahlreiche Bücher und Kompositionen von ihm.
aber, er muß es der lieben Noth wegen thun: ein Schicksal mehrerer seiner

32
Schreiber dieses
Herder und sein aufwendiger Haushalt waren auch auf die Nebeneinkünfte aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit angewiesen, vgl.
HBGA
, Bd. 12, S. 198.
Brüder, unter welche Schreiber dieses zuweilen mitgehöret.

33
Die Herzogin Mutter macht sich den Spaas, ein geschriebnes Journal von

34
hiesigen Mitgliedern zu halten, zu dem ich auch – Ehren u. Schande halber –

35
einige Beiträge geliefert. Es ist aber im Grunde lauter Spielwerk. –

36
Wie haben Sie das neue Jahr angetreten u. wie leben Sie, Lieber? Ich

37
habe einige Zeit an Rücken- u. Hüftweh laborirt (vermuthlich zurückgetretne

38
Hämorrhoiden) auch habe ich manchmal eine Schwäche am Kopf, die mir

S. 368
bange macht. Sobald ich der
Confirmation
der Kinder, u. der Osterarbeiten

2
los bin, will ich eine kleine Ausflucht etwa zu Gleim thun; ob ich mich erhole.

3
Das Land in dem ich lebe ist mir dürr u. wüste. Ich fühle mich täglich mehr

4
als Greis u. habe nie geglaubt, daß man so bald u. so schnell alt werden könne.

5
Herzog … Handwerk
Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach
wurde am 5. Februar in den Inneren Orden der strikten Observanz aufgenommen und erhielt, gemeinsam mit
Goethe
, am 2. März den Meistergrad, vgl.
HBGA
, Bd. 12, S. 198.
Der Herzog hat sich
maçonni
siren laßen, u. das Handwerk wird stark

6
getrieben. Ich habe, wie natürlich, nichts damit zu schaffen, obwohl Bode, (der

7
Sie sehr grüßen läßt u.
mir sooft
von Ihnen die Rede ist, aufträgt, Ihnen

8
H. Viereck
Heiliges Viereck; gemeint ist das Logenzeichen, vgl. etwa
HKB 356 ( II 434/7 )
.
was Gutes von ihm zu sagen,) mir sehr anliegt, mich wieder zum H. Viereck

9
zu halten. Es ist mir, wie meistens Alles um mich her, ein alter vertragner

10
Jugendrock, ein nichtiges leeres Mährchen.

11
Mein College, Schneider, Archidiak. der Stadtkirche u. Verf. der
actor.

12
ecclesiast.
kommt nach Eisenach als Gen. Sup. u. ihm ist damit sehr

13
geholfen. Froriep in Erfurt, der wegen seines unruhigen u. recht lästerlich

14
dummen Betragens auf dem Punkt der Remotion ist, hat sich viel Mühe um die

15
Stelle gegeben; ich habe ihm aber, soviel an mir ist, tapfer widerstanden. Er

16
hat seine rechtmäßige Obrigkeit, das geistl.
Ministerium
in Erfurt gar nicht

17
vor seine Obrigkeit erkennen wollen, in welcher Dummheit er auch noch

18
verharrt u. will auch
in ecclesiasticis
das Heft dem Kurfürsten u. dem

19
Katholischen Stadtrath in die Hände spielen, die ihn aber selbst verachten. Das

20
Salz der Erde
Mt 5,13
Salz der Erde fängt an so dumm zu werden, daß man sich seiner schämet.

21
Auch ich bin meines Amts u. meiner Stelle herzlich müde, da ich sehe, daß

22
überall nichts herauskommt.

23
Diderots Religieuse
Diderot,
La religieuse
Von Diderots
Religieuse
geht die Fortsetzung im Mscr. herum; alle

24
Schandthaten der Klöster sind zur Schau gestellt mit einer Kunst, die den Verf. der

25
bijoux indiscrets
Diderot,
Les Bijoux indiscrets
bijoux indiscrets
zwar bezeichnet aber jenen zurückläßt. Es wird von Paris

26
aus nach Gotha
communicirt
u. von daher
hi
uns mitgetheilt. Eine Nonne

27
erzählt ihre Leiden durch alle Klöster u. die Materie scheint dem Verf.

28
unerschöpflich, so wie dem Leser unglaublich –

29
Kants Kritik ist für mich ein harter Bißen; es wird beinah ungelesen

30
bleiben. In den Gött. Zeitungen ist er
weitläuftig
recensirt u. als Idealist

31
behandelt. Ich weiß nicht, wozu alles das schwere Luftgewebe soll. –

32
Beinah mein einziges Vergnügen aus neuern Productionen sind des seelg.

33
Roußeaus
consolations des miseres de ma vie,
eine Sammlung
seiner

34
Arien u. Lieder, meistens von ihm selbst componirt. Suchen Sie sie zu

35
Gottfried
Gottfried Herder
hören: es ist eine rührende Einfalt darinn, die wirklich tröstet. Gottfried kann

36
etliche schon klimpern.

37
Müller … schreiben
Johann Georg Müller
, siehe dessen diesem Brief eingelegtes Schreiben
HKB 644
.
Müller macht sich zur Abreise fertig u. wird Ihnen vorher noch schreiben.

S. 369
Er wird böse seyn, daß ich ihm das Amt des Uebersenders nicht aufgetragen

2
habe. – Frau u. Kinder sind wohl; mögen die Ihrigen, Ihr junger
Medicus,

3
über deßen Emporwachsen ich mich herzl. freue, auch neu grünen u. blühen

4
mit dem kommenden Frühlinge: u. Sie des Baums
Stamm
Wurzel u.

5
Krone!!!

6
Leben Sie wohl, lieber Alter!
Meine
Seele wandert oft zu Ihnen herüber u.

7
hangt an Ihrem Halse. O daß uns Zeit u. Raum so weit trennen!
ab
Trotz

8
Idealisten
Immanuel Kant
Ihrem Idealisten, der bewiesen hat, daß Zeit u. Raum Realitätslose

9
Frau Buchbinderin
Caroline Herder
August
August Herder
Abstractionen seyn. Die Frau Buchbinderin grüßt Sie herzl. Ihr kleiner lieber August

10
Pathengeschenk
Hamann sandte mit einem der letzten Briefe offenbar Münzen als Patengeschenk an August Herder, vgl.
HKB 637 ( IV 356/34 )
.
Vive, vige, vale
dt. Lebe, blühe und lebe wohl!
wird für das werthe, liebe Pathengeschenk selbst danken.
Vive, vige, vale!!!

11
H.


12
Von Caroline Herders Hand:

13
Allerliebster Herr Pathe.

14
Ich habe mich recht gefreut über die schönen großen Münzen, die Sie mir

15
verehrt haben, liebster Herr Pathe, u. küße Ihnen herzlich die Hand dafür.

16
Sobald ich groß bin, will ich zu Ihnen kommen u. Sie in der großen Stadt

17
Königsberg wo eine so schöne Sonne ist, besuchen, u. will
sehen
wo Sie

18
wohnen, denn ich habe Sie recht lieb u. trinke oft Ihre Gesundheit mit

19
meinen Eltern u. Brüdern. – Ich will die Münzen aufbewahren so lang ich

20
lebe u. werde sie mitnehmen auf die Universität u. wo ich hingehe. Ich werde

21
Mahler
wohl ein Mahler werden. Schreiben u. Lesen kann ich noch nicht aber ich

22
mahle große Buchstaben u. Häuser u. will Ihnen auch einmal etwas mahlen.

23
Leben Sie recht wohl! o möge Ihr Segen auf mich kommen, damit ich

24
Ihr bester Pathe werde! – ich küße Ihre liebe Kinder u. Mutter u. das

25
Patchen von meiner Mutter
Marianne Sophie Hamann
, vgl.
HKB 543 ( IV 48/32 )
Patchen von meiner Mutter. Bleiben Sie recht gesund bis wir Sie alle einmal

26
sehen!

27
Ihr
gehorsamster treuer Pathe

28
August Herder

Provenienz

Krakau, Jagiellonenbibliothek, Slg. Autographa der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin (ehemalige Berliner Signatur: Acc. ms. 1886. 53, Nr. 25).

Bisherige Drucke

Herders Briefe an Joh. Georg Hamann. Im Originaltext hg. von Otto Hoffmann. Berlin 1889, 179–182.

ZH IV 367–369, Nr. 643.

Zusätze fremder Hand

369/13
–27
Caroline Herder
369/28
August Herder

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
367/4
Erhalten […] 82.]
Hinzugefügt nach der Handschrift.
367/8
schön.
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
schönen
367/17
Gespr.
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Gespräch
367/30
glaube
,
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
glaube
368/7
mir sooft
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
mir, so oft
368/30
weitläuftig
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
weitläufig
369/4
Stamm
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Stamm,
369/6
Meine
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
meine
369/7
Trotz
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
trotz
369/17
sehen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
sehen,
369/26
sehen!
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
sehen.