603
226/19
Der Brief wurde erst später abgeschickt, vgl.
HKB 604 ( IV 228/25 ); das Datum
unten
bezieht sich auf das Ende der Niederschrift.
HöchstzuEhrender Herr,
20
Mann des Todes … Mann vom Berge
Im Sinne eines scherzhaften Eingeständnisses für die Autorschaft der
Zwey Scherflein
, die sich gegen Klopstock und seine Orthographiereform richteten. „Mann des Todes“ ist wohl – mit etwa
2 Sam 12,5
im Hintergrund – eine Anspielung auf
Lavaters erste
Predigt bey Anlaß der Vergiftung des Nachtmahlweins
, mit der er den Schuldigen per Predigt aus der Deckung locken wollte, vgl.
S. 5
: „So davon zu reden, daß der elende Verbrecher, wenn er uns hört, oder wenn andere ihm den Inhalt unserer Predigt – mittheilen – erwache, in sich selber gehe, an seine Brust schlage – sich in den Staub hinwerfe und ausrufe: „Ich, ich bin der Mann des Todes“ (zur Aktualität dieser Lavater-Schrift für Hamann 1780 vgl. seine Anteilnahme am Schicksal
Wasers
,
HKB 600 ( IV 220/23 ) und
HKB 524 ( IV 10/25 )). – Im Bild des Meuchelmordes bleibt auch der „Mann vom Berge“, der legendäre Assassinenfürst, der „das Morden als ein Gewerbe“ trieb und „seine Künstler im Todtschlagen“ hatte, die „allemal zu seinem Befehle bereit standen“ (
Guthrie:
Allgemeine Weltgeschichte
, Bd. 6,2 (Leipzig 1769), S. 461
). – Einer Anekdote Friedrich Roths zufolge soll Klopstock beim Empfang der
Zwey Scherflein
durch Claudius scherzend gefragt haben, ob sie „von dem Alten vom Berge sey?“ und Hamann dieses hier aufgreifen (
Roth: Hamann’s Schriften, Bd. 6, S. VI
). Daran ist zwar einiges unstimmig, Roth könnte die Anekdote aber aus dem Kontext von Claudius und Jacobi erzählt bekommen haben.
Ich bin der Mann des Todes, – der alte Mann vom Berge bin ich, der die
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Ueberbringer … Heimsteller
Wohl
Johann Gottfried Herder
und
Johann Joachim Christoph Bode
, über welche das Dedikationsexemplar der
Zwey Scherflein
auf Hamanns Wunsch hin an Klopstock geriet (vgl.
HKB 580 ( IV 166/19 )); Hintergrund ist – wie für Hamann überhaupt, diesen Brief zu schreiben – die irritierte Reaktion Klopstocks, als er das Dedikationsexemplar erhielt, wovon Herder vor Kurzem Mitteilung machte, vgl.
HKB 600 ( IV 218/22 ). – Mit „Ueberbringer“ könnte auch
Claudius
gemeint sein, über den dieser Brief zu Klopstock kam, vgl.
HKB 617 ( IV 287/18 ).
2 Scherfl. ausgefertigt hat, u. Ueberbringer so wol als Heimsteller sind beide
22
gl. unschuldig. Mache mit der Bekenntnis meiner Schuld den Anfang, weil
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kundbaren Niemanden
Vgl. die Widmung der
Sokratischen Denkwürdigkeiten
an „An das Publicum, oder Niemand, den Kundbaren“, zurückgehend auf die Überlistung des Polyphem mittels eines Wortwitzes in
Hom.
Od.
, 9, 364–414.
eben die Gründe für den kundbaren Niemanden ein Anonym zu seyn, mich
24
zu einer individuellen Erklärung gegen einen Mann von Ihrem Namen u
25
Verdiensten bestimmen.
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Alcibiades Hund
Alkibiades ließ nach
Plut.
vit.
, Alkibiades 9, seinem Hund den Schwanz abschneiden, damit die Leute sich darüber das Maul zerreißen konnten und nicht über andere Dinge, die er tat.
Ihre Orthographie kam mir wie des Alcibiades Hund vor u hatte allen
27
fascinum
Ein phallisches Amulett der alten Römer, das gegen Bezauberung bzw. Neid und den bösen Blick helfen sollte, indem es den Blick auf sich lenkt; vgl.
Plut.
mor.
,
Quaestiones Convivales, 5,7, 681D–682A
und
Meyers 1905, s.v. Fascinum
.
meinen Beyfall als ein politisches
fascinum
als ein magischer Talisman den
28
unumgängl. Neid zu besprechen u die Verlegenheit eines lebenden
29
Eusthatius
Eustathios von Thessalonike
Schriftstellers gegen seinen Eusthatius Cuper zu büßen. Daher machte ich mir kein
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diese materiam publicam priuato iure zu behandeln
diese öffentliche Angelegenheit mit privatem Anspruch zu behandeln
Gewißen diese
materiam publicam priuato iure
zu behandeln, als ein vortrefl.
31
vehiculum
meinen alten Groll gegen unsere unpolitische Reformatoren
32
auszulaßen
welche nichts zu glauben empfehlen, als was sich hören u sehen oder
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Einkleidung
im Sinne von Literarisierung bzw. stilistischer Formung des Themas in einen Hamann-Text
mit Händen greifen läßt. Nach dem gewöhnl. Schicksal der
Einkleidung
aber
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pars minima sui
dt. der kleinste Teil seiner selbst
ist die Sache selbst
pars minima sui
geworden. Anfang u Ende zeigen wenigstens,
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daß es mir eigentl. nicht um Orthographie zu thun gewesen.
S. 227
In Ansehung der
Grundsätze
, worauf Ihre Rechtschr. beruht, bleibt noch
2
in saluo
dt. unversehrt
immer mein Unglaube u Scepticismus
in saluo.
Meine Hauptzweifel fließen
3
aus der allgemeinen Theorie der Sprachen, welche ich größtentheils der
4
unseel. Mühe, die mir Reden u Schreiben macht, zu verdanken habe. Meine
5
Muttersprache
vgl. den ersten Satz der
Zwey Scherflein
(N III,231): „Die Liebe des Vaterlandes bezieht sich natürlicher weise auf die parties honteuses desselben, ich meine, die Muttersprache und Mutterkirche.“
Kenntnis der Muttersprache geht nicht weiter, als Ihre u anderer
6
Ueberlegenheit bewundern u ohngefehr beurtheilen zu können; daher ich mich auch mit
7
fremden Federn behelfe. Die unsere zu einer gebenedeyten Ausnahme von allen
8
lebendigen Sprachen u ihrer Weise zu machen u die vorgeschlagene Mittel
9
απροσδιονυσα
Seltener altgriechischer Terminus; wörtlich ‚undionysisch‘, ‚nicht verbunden mit dem Dionysos-Kult‘, hier wohl im Sinne von ‚unlebendig‘, ‚uninspiriert‘; die bekannten Stellen in
Plut.
mor.
,
612E
und
671F
sowie bei
Cic.
Att.
, 16,14 werden auch mit ‚unstatthaft‘, ‚wesensfremd‘ oder ‚absurd‘ paraphrasiert, vgl.
LSJ, s.v. ἀπροσδιόνυσος
.
diese Ausnahme zu erhärten, sind u bleiben für mich
απροσδιονυσα
.
10
Wollen Sie, höchstzuEhrender Herr, mich
hier
meines Irrtums – am
11
liebsten unter vier Augen – vorläufig überführen: so wird mir Ihre
12
Zurechtweisung sehr willkommen seyn u ich erbiete mich zu einer schuldigen
13
Verbeßerung u Erkenntnis deßelben: so wie ich auch von ihrer Seite die Billigkeit
14
voraus setze keine Stellen, welche ledigl. die leidigen –aner u Herrherrsager
15
angehen zu misdeuten, mir Ihre Freundschaft und den Beweis davon, ich
16
Meßiade
Klopstock,
Messias
; Klopstock wird den Wunsch im nächsten Jahr durch Übersendung der Altonaer Ausgabe erfüllen, vgl.
HKB 636 ( IV 349/18 ) meyne das mir einst zugedachte Exemplar Ihrer Meßiade, zu seiner Zeit nicht
17
zu entziehen; denn Ihre
Oden u Republick
besitze ich, sonst nichts, trotz
18
meiner Wünsche nach allem.
19
Ueber den Ton u die Physiognomie meines lakonischen Schnabels mag ich
20
kein Wort verlieren: sondern wolle beyderseits mit dem weisen Frühprediger
21
der Mitternacht dem Können u Wollen eines jeden seine Andacht u Nothdurft
22
Gedult … achten
2 Petr 3,15
anheimstellen – u die Gedult unsers
HErrn
(sämtl.) für unsere Seeligkeit
23
achten.
24
Ich habe die Ehre mit der aufrichtigsten u ergebensten Hochachtung zu seyn
25
Meines höchstzuEhrenden Herrn verpflichtester Freund u Diener
26
Kgsb. den 15 8br.
Dom. XXI. p Trin.
80.
Johann Georg H.
27
Packhofverw.
28
Adresse mit rotem Lacksiegelrest
(MC)
von Matthias Claudius nebst Vermerken
29
von fremden Händen; von Matthias Claudius:
30
An den …
Hamann notierte den Brief an Klopstock auf „Claudius Frachtbrief“ (
HKB 604 ( IV 228/25 )), also auf der Adressseite von
Claudius’
Sendung, die am 6. Oktober in Königsberg ankam, vgl.
HKB 602 ( IV 224/26 ). – Das ist eine der vielen Respektlosigkeiten des scheinbaren Versöhnungsbriefs.
An den Herrn Packhofverwalter /
Hamann
/ in
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Königsberg
/ hiebey ein Kästgen in / Matten gep. /
„
H. H. Königsberg
.“
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Vermerk von Hamann:
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Henr. Dietr. Voß
Henrich Dietrich Voß, wohl ein Schiffer
Erhalten mit
Henr. Dietr. Voß
von Lübeck den 6 8br 80.
Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1943. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 59. – Laut
Roth: Hamann’s Schriften, Bd. 6, S. VI
wurde der Brief in Hamanns Nachlass gefunden.
Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, VI 163–166.
Friedrich Gottlieb Klopstock: Werke und Briefe. Historisch-Kritische Ausgabe, Bd. VII, 1: Briefe. Hg. von Helmut Riege, Berlin, New York 1982, 178–179 (Nr. 163); vgl. Bd. VII, 3: Apparat/Kommentar. Hg. von Helmut Riege, Berlin, New York 1982, 880–887.
ZH IV 226 f., Nr. 603.
Zusätze fremder Hand
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227/30 –31
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Matthias Claudius |
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227/33 |
Johann Georg Hamann |