604
S. 228
Den 25 8br. 80.

2
Herzlich geliebtester Gevatter, Landsmann u Freund,

3
Michaelis
HKB 600
, der am 29. September 1780 in Königsberg ankam
Am heil. Michaelis, meines Sohns Tauftage kam Ihr erwünschter Brief

4
wie eine gestopfte Gans
vgl.
HKB 602 ( IV 224/31 )
wie eine gestopfte Gans Vormittags ins Haus geflogen; den Geburtstag

5
Claudius
Matthias Claudius
, nicht überliefert, vgl.
HKB 602 ( IV 224/23 )
vorher hatte auch Claudius geschrieben und
meldete
mir auch ein Päckchen an,

6
war also keine so
baare
Freude, sondern hatte die Ungedult der Erwartung

7
mit sich.

8
Ihr Büchlein wurde sogl. verschlungen, ich habe es aber zum zweyten mal

9
mit gedoppeltem Vergnügen gelesen, und auch schon andere mit erfreut,

10
wiewol ichs nicht recht unter meinem Kopfküßen entbehren kann. Brenne nach

11
Meß Catalog
Die Teile 3 und 4 werden im
Messkatalog für Michaelis 1780
angekündigt, vgl.
S. 1021
(im Frühjahrskatalog noch nicht).
der Fortsetzung, die Gottlob! schon im Meß
Catalog
steht.

12
Bin in meiner hebr. Bibel nicht mehr zu Hause, und nehme sie erst jetzt

13
wider mit Hänschen vor, geht aber
mühse
l
elig
u langsam von beyden Seiten,

14
Erl.
Erläuterungen
zum Theil aus Mangel tüchtiger Hülfsmittel. Zwey Erl. bitte mir aus; S. 87

15
habe ich die hebr. Worte nicht finden können und auch den Grund nicht,

16
warum sie eins für hebräischer als das andere halten. Im andern Theil S. 302.

17
fehlt … Maccab
vgl.
Herder,
Briefe, das Studium der Theologie betreffend
,
Tl. 2, S. 302
: „in den Büchern der Maccabäer finden wir die Erwartung des Meßias als Eines, der kommen sollte, deutlich“ und
HKB 607 ( IV 243/4 )
fehlt meinem Gedächtnis ein deutl.
Locus
vom Meßia in den Büchern der

18
Jerusalems Auslegung … Widerlegung u Uebersetzung
Herder bespricht in
Herder,
Briefe, das Studium der Theologie betreffend
,
Tl. 1, S. 26–33
die Geschichte von Bileam und der Eselin in
4 Mo 22
und nennt dabei einen modernen Ausleger, der sie „zu einer Betrugsgeschichte Bileams, die Moses bey den Moabitern gefunden und als solche einrückte, zu machen geneigt war“; dieser Ausleger, den Herder „übrigens mit der größesten Hochachtung“ nennt, ist
Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem
in seinen
Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion
,
vgl. bes. die Einführung zur Auslegung, Tl. 2,2, S. 501f.
Maccab.
Jerusalems Auslegung von Bileam ist mir eben so wie Ihnen

19
vorgekommen; desto beßer hat mir Ihre Widerlegung u Uebersetzung geschmeckt.

20
Von Ihrer Preisschrift ist keine Spur im Meßkatalog, noch von Ihrer

21
Ausgabe der Werke des Andreä in deutscher Sprache, wovon ich läuten

22
gehört.

23
Brief … Copie
Mosers Brief an Herder vom 6. Juli 1780, den Herder ihm zuschickte (vgl.
HKB 600 ( IV 220/5 )
) und den Hamann abschrieb, vgl.
.
Des Layenbruders u Philosophen zu Zwingenberg Brief sende mit Dank

24
zurück; habe auf dem weißen Blatt eine
Copie
genommen, halb aus

25
Dom. XXI … Billet an Klopstock
HKB 603
vom 15. Oktober 1780 (21. Sonntag nach Trinitatis)
Aberglauben – so wie ich
Dom. XXI.
den Einfall bekam auf die Hälfte von

26
Claudius Frachtbrief
vgl.
HKB 603 ( IV 227/30 )
noch hier liegt
Der Brief ging irgendwann zwischen November 1780 und April 1781 über
Claudius
an Klopstock, vgl.
HKB 617 ( IV 287/18 )
.
Claudius
Frachtbrief ein
Billet
an Klopstock zu schreiben, das aber noch hier

27
liegt, weil ich denselben Tag einen Anfall vom Fieber bekam, auch noch nicht

28
seitdem aus dem Hause gewesen.

29
Einl. Morungen
von
Herders Schwester
aus
Mohrungen
, nicht überliefert; vgl.
HKB 600 ( IV 214/30 )
Habe bisher auf eine Einl. gewartet, aber umsonst aus Morungen, so

30
Mst. des Ziehens
des durch Herder geschickten Manuskripts des
‚Zellerfelder Propheten‘
, vgl.
HKB 600 ( IV 219/2 )
dringend ich auch darum gebeten. Das
Mst.
des
Ziehens
fieng an

31
aus den hamb. Zeitungen
Die Quelle ist
Lichtenbergs Artikel
Ueber die Weissagungen des verstorbenen Herrn Superintendenten Ziehen in Zellerfeld
in den
Hamburgischen Adreß-Comtoir-Nachrichten
,
St. 82, 19.10.1780, S. 649–651
, wo es auch heißt, dass „ein Auszug davon wirklich gedruckt ist, und sogar zum Verkauf in die Häuser gebracht wird“.
abzuschreiben, als ich aus den hamb. Zeitungen ersahe daß es im Druck erschienen. Im

32
Meßkatalog steht es nicht, u es ist die Frage, wenn u ob es herkommen wird.

33
Des Verf.
Resultat
über die hieroglyphische Sprachkunst hat mich

34
außerordentl. aufmerksam gemacht, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie viel mir

35
Chevilah
Buch Chevilla
daran gelegen nähere Nachrichten besonders von dem Buch
Chevilah
zu haben.

36
Ein gewißer Hofrath Ehrenreich hier will versichern in seiner Jugend ein

S. 229
kabbalistisches
Mst.
unter diesem Namen bey seel.
Prof.
König in Gießen

2
gesehen zu haben. Da es im Druck erschienen, liebster Herder, so hoff ich, daß ich

3
ohne Nachtheil dieses
Mst.
behalten kann. Das vom Erdbeben habe flüchtig

4
durchgelaufen, mag mich darüber nicht einlaßen. Kant schreibt dem Verf.

5
ganz falsche Begriffe in der Astronomie zu, u
D. Reccard
hält selbige

6
gleichfalls für Kindermannsche Grillen
Nach dem phantastisch-astronomischen Autor
Eberhard Christian Kindermann
; vgl. Lichtenbergs Ausführungen im Artikel über Ziehen (
s.o.
), S. 649: „[…], daß das ganze Fundament dieser Weissagungen ein so abscheulicher Fehlschluß ist, daß ich mich nicht erinnere, je etwas ähnliches gedruckt gelesen zu haben, es müßten denn die Schlüsse des Astronomen Kindermann seyn, der ein Perspectiv erfunden zu haben glaubte, womit man von Dresden aus die Schiffe auf dem stillen Meere sehen konnte.“
gleichfalls für
Kindermannsche
Grillen. Ich schränke mich bloß auf die
Urkunde

7
u die
hieroglyphische Sprachkunst
ein und wünschte um alles in der

8
sonderbare Sonderbarkeiten
vgl.
HKB 600 ( IV 219/6 )
Kabb
Welt mehr Auskunft und nähere
data
darüber. Alle
sonderbare

9
Sonderbarkeiten
, die sich darauf beziehen, sind für mich
interessant.
Der Verf. lebt nicht

10
mehr, sollte nicht dieses Stück von ihm ausgearbeitet in der Handschrift

11
geblieben seyn, und hätten Sie auch nicht Selbst Neugierde u Canäle hierüber mehr

12
Licht zu verschaffen. An Ihrem guten Willen mir alten Mann
angenehme

13
Stunden zu machen
und meinen Grillen beßere entgegenzusetzen, fehlt es

14
nicht.

15
Uebersetzung … ad Acta
Hamann (Übers.),
Dialogen die natürliche Religion betreffend
; vgl. die Verhandlungen zuvor mit Hartknoch im September und Oktober,
HKB 601 ( IV 222/20 )
und
HKB 602 ( IV 225/19 )
mit künftiger Meße eine andere
Gespräche über natürliche Religion von David Hume
(Leipzig: Weygand 1781)
; zu den Ankündigungen in den Messkatalogen vgl.
HKB 596 ( IV 206/5 )
Meine Uebersetzung des Hume habe
reponirt ad Acta,
da mit künftiger

16
Meße eine andere erscheinen wird. Kant, Lauson,
Kreutzfeld
, Hippel haben

17
meine durchgesehen und ihr
vû bon
gegeben, wiewol nur einer im stande

18
gewesen sie mit dem Engl. zu vergleichen. Deswegen wird die Arbeit nicht

19
Briefen die natürl. Religion betreffend
Hamanns angedachter Titel für den Text, der sich aus den Konzepten für einen Begleitessay zur Hume-Übersetzung herausbildeten; der Titel kombiniert
Humes
Dialogues concerning natural Religion
mit Herders kürzlich angekommenen
Briefen, das Studium der Theologie betreffend
. Zuletzt waren auch
Starcks
Freymüthige Betrachtungen über das Christenthum
teil der Titelkombination, vgl.
HKB 602 ( IV 225/25 )
.
verloren seyn, sondern vielleicht zu einem kleinen Bändchen von
Briefen die

20
natürl. Religion betreffend
de
s
m 50jährigen Geistl. in Schwaben

21
Ankündigung der Uebersetzung
Herder kündigte die Hume-Übersetzung „von dem berühmten Hamann“ bereits an, im
Teutschen Merkur
,
4. Vj. 1780 (Oktober), S. 90
; vgl.
HKB 600 ( IV 218/7 )
gedeyen. Gesetzt also daß eine Ankündigung der Uebersetzung auch geschehen

22
wäre; so wäre dadurch nichts versehen. Hier will man zuverläßig behaupten

23
daß die freymüthigen Betrachtungen über das
Χ
stentum von Stark sind, auch

24
redt man von einem Ruf deßelben nach Mecklenburg. Meine Uebersetzung

25
hatte das gröste Augenmerk auf dies Buch –

26
Habe in meinem Flußfieber ein vortrefl. Buch kennen gelernt, das ich mich

27
schäme so spät gelesen zu haben, für Sie aber wol keine Neuigkeit mehr seyn

28
wird, ich meine die 3 Theile von Irwings Untersuchungen über den Menschen.

29
Des Mannes Philosophie u Styl i
ch
st sehr nach meinem Geschmack u ich habe

30
dimidium animae meae
dt. Hälfte meiner Seele,
Hor.
carm.
, 1,3,8
dimidium animae meae
darinn gelesen.

31
CapellMeister
Johann Friedrich Reichardt
; zu dessen Besuch in Weimar vgl.
HKB 600 ( IV 216/4 )
Alles Gute, was Sie unserm Landsmann dem CapellMeister gethan haben

32
und noch zu thun imstande sind, sehe ich wirklich als Selbst genoßen an.

33
unterkötigen
vgl.
DWB, 1. Aufl., Bd. 24, Sp. 1643
: „unterköthig heiszt eine beule oder wunde, wenn sich eiter unter der oberfläche befindet“
Meine Dankbarkeit gleicht leider! einem unterkötigen Geschwür oder

34
Claud.
Matthias Claudius
, in seinem nicht überlieferten Brief, der am 27. September in Königsberg ankam, vgl.
HKB 602 ( IV 224/23 )
fistu
lösen Schaden.
Claud.
meldt mir von Reichards Reise nach Weimar ohne

35
ihn in der Liste von gelehrten u Standes
passag
iers zu nennen, welche diesen

36
Sommer in Hamburg gewesen. Er hat mir seinen
Cyrus,
6
Bout.
Rheinwein,

37
worunter eine noch einmal so alt wie ich seyn soll u einen ganzen Jahrmarkt

S. 230
von Kinderspielen für meine Mädchen
geschickt
. Drey
Bouteill
en habe unter

2
Hofhalsrichter Hippel
Theodor Gottlieb Hippel
meinem Beichtvater, dem neuen Hofhalsrichter Hippel u
Me Commere

3
Brahl
Johann Brahl
vertheilt, eine mit der einzigen Tischgesellschaft, die ich habe, Brahl, seiner

4
Schimmelpfenning
N. N. Schimmelpfennig
Freundin Schimmelpfenning ausgetrunken, die alte in meiner Unpäßlichkeit

5
aurum potabile
Trinkgold, dem ein mittelalterlich-alchemistische Vorstellung eine verjüngende Wirkung zuschrieb
angebrochen, welche wirklich ein
aurum potabile
in sich zu halten scheint – und

6
die dritte ist noch
in salvo.
Bin nicht gewohnt Wein zu halten und damit zu

7
wirthschaften. –

8
Von unserm Diedrichs werden wir wol wenig Frucht erleben. Ich habe

9
ihn seit seiner Ankunft nicht gesehen. Seine Gesundheit ist gänzl. gestört. Er

10
engl. Krankheit
Rachitis
geht wie ein Kind, das die engl. Krankheit gehabt. Ißt mit einem

11
Wolfshunger alles was ihm vorkomt – und soll eben so wenig Herr von seinen

12
Ausleerungen von vorn und hinten seyn. Vom Leßing schreibt mir
Claud.
daß

13
er eine Art von Lähmung u Schlafsucht haben soll. Von seinen
Briefen

14
nichts zu sehen noch zu hören; auf die ich mich so gespitzt.

15
Nun, der freudige Geist enthalte Sie! – Nach Ihrer Autorschaft zu

16
mein Bogen …
Hi 29,20
urtheilen, können Sie mit Hiob sagen:
mein Bogen beßert sich in meiner Hand
.

17
Mag wol wahr seyn, daß die einzige Kraft der Natur im Druck bestehe. Was

18
ist Ihr Herr Schwager dort, der seine Hälfte verloren? War das nicht eben

19
Liedern der Liebe Anlass gab
Herder,
Lieder der Liebe
, vgl.
HKB 539 ( IV 39/1 )
das Paar, welches zu Ihren
Liedern der Liebe
Anlaß gab? Ist das Kind

20
Leibjäger aus Eutin
Ferdinand Flachsland
nicht wenigstens erhalten worden? Der Leibjäger aus
Eutin
ist in Wandsbeck

21
gewesen.

22
Statthalter
auf Hamanns nicht überlieferten Brief an
Carl Theodor von Dalberg
vom 20. Juli 1780, vgl.
HKB 600 ( IV 221/5 )
Erwarte eben keine Antwort vom Statthalter, wünschte aber zu wißen,

23
jüdischem Einschluß
wohl über das
Friedländersche Comptoir
ob er meinen Brief erhalten, weil er unter jüdischem Einschluß nach Leipzig

24
Schellenberg … zusammgebracht
nach dem Vertrieb von
Schellenbergs
Schweizerprospekte
in Königsberg, vgl.
HKB 594 ( IV 202/25 )
gegangen, und ich mit Schellenberg Verwirrung gehabt, deßen Geld ich im

25
Junio
abgeliefert, so bald ich es zusammgebracht, und mich in diesem

26
Brief vom 1 Sept.
nicht überliefert
Monathe drum mahnt durch einen Brief vom 1
Sept.
Wißen Sie nichts von

27
mich gegen Klopstock …
HKB 603
,
s.o.
Kaufmann
? Ich habe es für meine Schuldigkeit gehalten mich gegen

28
Cl.
Das Billet ging irgendwann zwischen November 1780 und April 1781 über
Claudius
an Klopstock, vgl.
HKB 617 ( IV 287/18 )
.
Klopstock zu erklären, will es aber dem
Cl.
überlaßen, ob u wie er das
Billet

29
drollichten Frage
Klopstocks Frage an Bode, vgl.
HKB 600 ( IV 218/24 )
abgeben will. Wenigstens ersehe aus der drollichten Frage, daß es gewirkt. Wie

30
aber, weiß ich nicht.

31
Briefen
Hamanns Entwurf über Hume,
s.o.
Zu meinen Briefen werde den Winter über sammeln, aber so Gott will erst

32
den Sommer dran arbeiten. Mein Aderlaßen glückl. überstanden, ohne

33
gichtigen Anfall. Mein Kopf taugt aber gar nichts, wie leider! aus den Früchten

34
u grauen Haaren zu ersehen.

35
Hartkn. wird vermuthl. Verleger des Kanten
werden
.
Ich kann die
Chevila

36
nicht aus dem Sinne kriegen. Der Mann scheint mit so gutem Sinn

37
Iudaeus Apella
nach
Hor.
sat.
, 1,5,100
geschrieben zu haben und verspricht doch so viel Wunder, daß kein
Iudaeus Apella

S. 231
draus klug werden kann. Wenn es Ihnen mögl. ist sich und mich zu

2
befriedigen, so ermangeln Sie es doch nicht.

3
Was Sie mir von dem alten Freunde
schreiben
, den Sie in den

4
Schaafstall führen müßen, stimmt zieml. mit den Nachrichten überein, die ich schon

5
Habeat sibi …
dt. soll er das seine haben, mit seiner habgierigen Untätigkeit
in Curl. von ihm gehört, aber für Verleumdungen hielt.
Habeat sibi cum

6
physiognomische Reisebeschreiber
Friedrich Traugott Hase
, den Herder irrtümlich als Verfasser von
Musäus’
Physiognomischen Reisen
annahm, vgl.
HKB 600 ( IV 215/32 )
otio suo pleonectico!
Der physiognomische Reisebeschreiber scheint mir ein

7
homuncio lepidissimus
dt. niedliches Menschlein
homuncio lepidissimus
zu seyn – ich habe seine 4 Bändchen mit Vergnügen

8
kürzlich widerholt.


9
Den 26 –

10
Gestern kam der
Prof.
den ich lange nicht gesehen. Wie der fort war, ließ

11
Nachbar … Weibern entsagt
Carl Christoph Stockmar
, dessen Tochter
‚Selma‘
eine Zeit lang
Penzels
Geliebte war
Loge
Hamanns Arbeitsraum am
Licent
, vgl.
HKB 484 ( III 306/18 )
; wohl leicht ironisch-abfällige Bezeichnung (vgl.
Krünitz
, s.v. Loge: „eine Hütte, ein kleiner mit Brettern verschlagener Raum, ein Hundestall, eine Schiffskammer etc. etc. heißt“), ohne Bezug auf Freimaurer- oder Theaterlogen.
sich mein Nachbar anmelden. Heute bin zum ersten mal auf der Loge gewesen.

12
entre chien et loup
dt. in der Dämmerung
Vor einer Stunde
entre chien et loup
schickt mir mein Nachbar einen Brief,

13
Penzel aus Krakau
Penzel
war seit Anfang 1780 als falscher Abbé in Krakau und gelangte im Laufe des Jahres an bedeutende Stellen der Krakauer Universität, vgl.
Köppe: Abraham Jakob Penzels Lebensirrfahrten
, S. 168–171 und
HKB 601 ( IV 223/30 )
.
den Penzel aus Krakau an ihn geschrieben, um zu melden, daß er den Weibern

14
entsagt, die heil. Weihe angenommen, seinen blauen Rock mit rothen Klappen

15
in einen schwarzen mit Mantel u Kragen, u seine Patrontasche in ein sehr

16
schön goldenes Kettchen verwandelt, als Abt (
bonae spei
einer beträchtl.

17
Pfründe), Bibliothekarius u Prof. der griechischen und deutschen Sprache.

18
Reicher Stoff zum Nachdenken, Wundern und den Speichelgang zu

19
Vater
Johann Jakob Penzel
; Penzels Katholizismus war nicht unwesentlich durch die Auflehnung gegen seinen Vater geprägt, einen reformierten Prediger.
erleichtern! Wie dem armen Vater zu Muthe seyn mag! Von seiner jüngsten

20
Schwester hab ich einen sehr launichten Brief an ihn zum Andenken. Er pflegte

21
immer von ihren Talenten mit Entzücken zu reden.


22
Dom. XXIII.
29. Oktober 1780 (23. Sonntag nach Trinitatis)
Dom. XXIII.

23
Prinz
Kronprinz Friedrich Wilhelm
auf seiner Rückkehr aus Russland über Königsberg
Habe heute einen unruhigen wüsten Tag gehabt. Unser Prinz ist gestern

24
angekommen. Heute ihm zu Ehren ein großes Schiff abgelaßen worden richt

25
über meinem Fenster, wobey 3 Kutschen in meinem Gehöft u die halbe

26
Judenschaft u
Χ
stenheit wider bey mir gehabt. Den Beschluß machten Hippel

27
u Scheffner. Ersterer ist den 18
huj.
als wirkl. Hofhalsrichter installirt u von

28
Lauson … blutrothen Bändchen
Johann Friedrich Lauson
, nicht ermittelt
Lauson auf einem blutrothen Bändchen besungen worden. Letzterer

29
privatisirt auf dem Stoltzenberg bey Danzig. Diesen Abend bringt die Akademie

30
ein Ständchen und morgen reist der Prinz ab. Sein Leibchirurgus u

31
Pensionair Rhod
N.N. Rohd
Pensionair Rhod hat mich
auf
heute besucht. Graf Görz sich meiner erinnert.

32
Lichtenbergs Deduction
Lichtenberg behandelt in seinem Artikel
Ueber die Weissagungen des verstorbenen Herrn Superintendenten Ziehen in Zellerfeld
die Prophezeihungen
Ziehens
als Unsinn.
Lichtenbergs Deduction in den Addreß Nachrichten habe gestern gelesen u

33
stimmt vollkommen mit den hiesigen Urtheilen überein. Weder seine

34
Weißagungen noch astronomische Irrthümer gehören in mein
Forum;
ich verlange

35
nichts als seine hieroglyphische Grammatik und Chevila näher zu kennen.

36
Kant
Kant
, der eine Antwort
Hartknochs
auf seinen Brief vom 11. Oktober in der Sache des Verlags der
Critik der reinen Vernunft
erwartete. Damit eine Antwort nach 14 Tagen eintrifft, hätte Hartknoch direkt nach Empfang des Briefes zurückschreiben müssen; er antwortete tatsächlich erst am 26.10. (greg.) / 15.10. (jul.), vgl.
Kant: AA X, Briefwechsel 1780 , S. 261
.
Kant war gestern sehr unzufrieden seit 14 Tagen noch keine Antwort von

S. 232
Green
Joseph Green
Hartknoch erhalten zu haben. Ich u
Green
beruhigten ihn damit, daß er seinen

2
Brief nicht erhalten haben müste, u er wollte deßhalb auf der Post

3
Erkundigung einziehen u noch einmal schreiben, welches ich auch zu thun versprochen.

4
Fischer
hat mir eine Einl. versprochen u ich werde morgen darnach schicken.

5
Kraus des Christiani Stelle
Christian Jacob Kraus
die Nachfolge der Professur von
Karl Andreas Christiani
Daß Kraus des
Christiani
Stelle erhalten, werden Sie schon wißen.


6
Den 30 –

7
Hier ist sie …
Eine Einlage von
Carl Gottlob Fischer
an Herder, 30.10.1780; zum Inhalt, abgesehen von Informationen zu Herder für
Goldbecks
Litterarische Nachrichten von Preußen
, vgl.
HBGA
, Bd. 12, S. 141 und
HKB 607 ( IV 247/13 )
.
Hier ist sie – Ich habe der Neugierde nicht widerstehen können drein zu

8
Billet über Ihre theologische Briefe
über
Herder,
Briefe, das Studium der Theologie betreffend
, nicht überliefert
gucken, da er mir neulich ein sehr warmes
Billet
über Ihre theologische Briefe

9
geschrieben. Erfreuen Sie den guten Mann doch mit einer Antwort. Er ist

10
Edelmann in Pension … armen Waysen
nicht ermittelt
Pfarrer am Königl. großen Hospital. Er hat einen jungen Edelmann in

11
Pension
u einen armen Waysen, der seiner Frauen Schwester Sohn ist, Schultz

12
heist u ein außerordentl. aufgewecktes Kind mit einer etwas auffallenden

13
Physiognomie ist. Sein häusliches Glück ist wider alle meine Erwartung. Sie

14
Sie ist eine Damus
N.N. Fischer
ist eine
Damus
. Wie Aspecten u Gerüchte trügen können!

15
Einl. aus Morungen
von
Herders Schwester
aus
Mohrungen
,
s.o.
Hievon künftig mehr. Hoffe bald eine Einl. aus Morungen zu erhalten

16
und bey Beförderung derselben zum Schreiben aufgelegter zu seyn. Mein Kopf

17
ist wie ein stetiges Pferd und will nicht von der Stelle. Wird alles mit

18
Schild …
1 Mo 15,1
Gottes Hülfe beßer werden. Er sey Selbst Ihr Schild und Ihr sehr großer Lohn!

19
besten Frau …
Caroline Herder
Meinen herzlichsten Handkuß der besten Frau, Mutter und Gevatterin, welche

20
verdient Freunde u Freundinnen im Himmel wie auf Erden zu haben. Gott

21
seegne mein Pathchen u seine 3 tapfern Brüder. Marianchen ist heute ein

22
wenig krank zu Bette gegangen. Ist bisher fast gar zu gesund gewesen.

23
Nächstens wills Gott! mehr u vielleicht beßer. Ich ersterbe

24
Ihr alter treuer Johann Georg Hamann.

Friedrich Carl von Moser an Johann Gottfried Herder, Darmstadt, 6. Juli 1780, Abschrift von Hamanns Hand mit Vermerk von Hamann links oben auf der Seite; Provenienz: Staatsbibliothek zu Berlin, Ms. Germ. quart. 1304, 208:

479/30
Erhalten am Michaelistage …
Herder schickte den Brief
Mosers
mit
HKB 600
an Hamann, bei dem er am Michaelistag (29.9.1780) eintraf; dieser schrieb ihn ab und schickte das Original zurück an Herder, vgl.
HKB 604 ( IV 228/23 )
. – Zu Mosers Entlassung als Erster Minister von Hessen-Darmstadt durch
Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt
vgl.
HKB 600 ( IV 219/35 )
.
Erhalten am Michaelistage und abgeschrieben auf dem andern Blatt

31
des Originals.


32
Darmstadt den 6 Jul. 80.

33
Ew. Hochwürden


34
Bekänntnis: durch Stille seyn u Hoffen werdet ihr

35
stark seyn; war mir EngelsStimme in der Stunde der Noth, da ich

S. 480
diesen Zuruf erhielt, sie ists mir auch noch jetzt und noch mehr, da ich

2
Gott vor meine Erlösung aus einem Joch danken kann, unter dem

3
meine Seele schmachtete und fast verdorrte. Ich habe mich gedrungen

4
gesehen, vor etwa 3 Wochen mich zum Opfer der Treue vor ein Land

5
hinzugeben, dessen Werkzeug der Unterdrückung zu werden ich mich

6
nicht entschließen konnte. Ich gehe in wenigen Tagen mit dem Stabe in

7
der Hand, aber einem Herzen voll Lob, Dank u kindlicher Zuversicht in

8
die tiefe Stille einer ländlichen Hütte zu Zwingenberg 3 St. von hier.

9
Ew Hochwürden Seegen u. Andenken wolle mich auch dahin begleiten,

10
meine Ihnen gewidmete innige Verehrung und Liebe wird nur mit

11
meinem Leben aufhören.

12
Den Seher Hamann bewundere, ohne ihn zu verstehen.

13
Ew. Hochwürden

14
gehorsamster Diener

15
Moser
.

Provenienz

Staatsbibliothek zu Berlin, Ms. Germ. quart. 1304, 209–210.

Bisherige Drucke

Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, VI 166–168.

ZH IV 228–232, Nr. 604.

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
228/13
mühse
l
elig
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
mühseelig
230/35
werden
.
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
werden.
231/31
auf
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
auch
232/4
Fischer
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Fischer