638
358/27
17 XbrTage Lazari
Der 17. Dezember ist der Tag des hl. Lazarus.
Kgsb. den 17
Xbr
am Tage Lazari 81.

28
Herzlich geliebtester Gevatter Landsmann und Freund,

29
Bin heute zum ersten mal wider ausgegangen, und habe recht viel Freude

30
erlebt, worunter ich Ihnen die vornehmste mittheilen muß. Meine älteste

31
Loge
Hamanns Arbeitsraum am
Licent
, vgl.
HKB 484 ( III 306/18 )
; wohl leicht ironisch-abfällige Bezeichnung (vgl.
Krünitz
, s.v. Loge: „eine Hütte, ein kleiner mit Brettern verschlagener Raum, ein Hundestall, eine Schiffskammer etc. etc. heißt“), ohne Bezug auf Freimaurer- oder Theaterlogen.
Tochter kam Nachmittags auf die Loge und rief mich zu Hause, weil mich ein

32
fremder Herr, der Berens hieß, sprechen wollte. Mein Herz hüpfte ich weiß

33
nicht wie bey diesem Namen, und lief spornstreichs. Der Lohnlakey versicherte

34
mich beym Eintritt, daß er mich
bey
einen guten Freund zuführte, weil er schon

S. 359
mehr als einen Fremden zu mir gewiesen, und ich ihm gewöhnlich die Zeit

2
mit einer guten Bouteille Bier zu vertreiben suche. Ich sah einen langen Mann

3
mit einem fast kahlen grauen Kopf für mich, den ich wol für einen
Berens

4
erkannte und dem alten Karl eben so ähnlich als unähnlich zu seyn schien,

5
daß ich mich lange Zeit in die zweydeutige Gestalt gar nicht zu finden wuste.

6
George
Georg Berens
,
Kurz es war unser liebe
George
– der auf einmal den Einfall bekommen

7
Kaufmann Fenton
wohl
Philip Ibbetson Fenton
oder ein anderes Mitglied der Fentons, einer englischen Familie von Russlandkaufleuten
nach einem zwanzigjährigen stätigen Dienst mit einem Kaufmann
Fenton

8
eine Wallfahrt nach Engl. zu thun. Ich bot ihm zum freundlichen Willkomm

9
an alles was ich hatte und ließ ihm die Wahl zwischen
Caffé
– The, den mir

10
mein Freund, gegenwärtiger Cabinetsaßeßor, Arndt, Unternehmer eines

11
St. Petersburgschen Journals
Arndt,
St. Petersburgisches Journal
(bzw. die Fortsetzung
Neues St. Petersburgisches Journal
)
fünfjährigen St. Petersburgschen Journals, das sich mit diesem Jahr zum 6ten

12
Bande in meiner Bibl. verjüngt, aus China besorgt – und einem Glas Bier –

13
Asmus Mallaga
der angekündigte ‚Kasten‘ von
Claudius
, vgl.
HKB 636 ( IV 349/19 )
Denn Asmus Mallaga schwimmt noch auf der Ostsee. Wein hab und halt

14
Einlage einlief
von
Herders Schwester
aus
Mohrungen
ich nicht. Wir rauchten eben ein Pfeifchen, als
Einlage
einlief.

15
Da er von seinem Reisegefährten abhängt: so hat er ein paar lederne

16
Beinkleider in seinen Ranzen ausdrückl. dazu mitgenommen um nach Weimar,

17
wo es nur immer mögl. einen Ritt zu thun.

18
Green
Joseph Green
Ich war durch diesen
Deum ex machina
so gestärkt, daß ich ihn bey
Green

19
in praesepio
wörtl. in der Krippe (nach
Lk 2,7
), hier für das Krankenbett, vgl.
HKB 637 ( IV 355/29 )
begleitete, der noch
in praesepio
doch ohne Schmerzen lag, wo wir auch den

20
Kant
Immanuel Kant
, mit dem Hamann passenderweise das Hume-Übersetzungsprojekt wohl zuerst entwickelte, vgl.
HKB 596 ( IV 205/28 )
Humens Dialogen
die lange erwartete
Hume-Übersetzung
bei Weygand, die seit Michaelis 1781 erschienen war
Pr.
Kant
fanden, der mir die frohe Bothschaft Humens Dialogen von

21
Hartung erhalten zu haben und zugl. das Versprechen gab mir morgen selbige

22
zukommen zu laßen – aber nicht sonderl. mit der Arbeit zufrieden zu seyn

23
schien.

24
Schwester
Catharina Dorothea Güldenhorn
, wegen ihrer unglücklichen häuslichen Situation mit ihrem alkoholistischen
Ehemann
Ihre liebe Schwester girrt wie eine verlaßene Turteltaube ohne einen Laut

25
von sich zu geben aus dem sich abnehmen ließe, wie Ihr zu helfen wäre. Ihr

26
Vertrauen auf Gott wird nicht zu Schanden
werden
.
Im Grunde hat Sie

27
Kurz, Er ists gar
Sir 43,27
(in
älteren Übersetzungen
der Lutherbibel V. 29): „Wenn wir gleich viel sagen, so können wirs doch nicht erreichen. Kurz: Er ists gar.“
recht, daß alle Menschenhülfe Nichts ist.
Kurz, Er ists gar
. Sir.
XLIII.

28
Hatte meinem Sohn
Möhsens Verzeichnis einer Samml. von

29
Bildnißen berühmter Artzte
zugedacht und ihm bereits die 4 rthl dazu

30
2 Buchladen
Die zwei Buchläden sind der
Wagner und Dengelschen
und der Hartungsche, letzteren frequentierte Hamann eigentlich nicht.
mitgegeben, und siehe! das
einzige
Exemplar in unsern 2 Buchladen war
defect.

31
Es that mir leyd, und war mir doch in gewißer Absicht lieb. Heute bringt

32
Christian Hill
Christian Hill
mir mein junger Freund Christian Hill ein prächtig eingebundenes

33
DedicationsExemplar in
Royalformat
nebst Möhsens Kupferstich in mein Haus,

34
das ein reicher Vetter von ihm, Namens Miltz, für ein
lustiges Buch
gern

35
loß seyn will. Ich werde mir alle mögl. Mühe geben seinen Geschmack zu

36
befriedigen, wenn er mir auch 5 rthl kosten sollte, weil die Pracht des Bandes

37
und Papiers nicht mit noch einmal so viel bezahlt werden kann, und ich es

S. 360
Studio der ArzneyGelahrtheit
vgl.
HKB 629 ( IV 323/30 )
als ein gutes Omen ansehe zum künftigen Studio der
ArzneyGelahr
t
heit
,

2
wozu Gott Seinen Seegen geben wolle! Amen!

3
Guignon
Unglück, Pech
Ohne mich über den
Guignon
des heutigen Tages länger aufzuhalten,

4
deßen übrige Ebentheuer theils ins kleinfügige theils ins lächerliche fallen

5
älteste Tochter
Elisabeth Regina Hamann
dürften, hab ich doch auch die kleine Unruhe gehabt meine älteste Tochter

6
bettlägerich zu finden, wie ich zu Hause kam. Hoff
aber,
daß es ohne Folgen seyn

7
wird. Vielleicht sind Würmer an der Uebelkeit und dem Schwindel Schuld,

8
und ich habe schon einen
RhabarberCaffé
und Zittwersaat zum Frühstück

9
bestellt.

10
Jonathan
nach
1 Sam 18,1
Nun gnug auf heute! Liebster bester Freund und Jonathan. Der

11
Hitze und Last
Mt 20,12
3
Nachtwächter hat schon sein Lied abgesungen, und ich habe auch die Hitze und Last

12
unter dem Sonnenschein und erneuerten Winter des heutigen Tages

13
getragen, so daß ich mich heute beym Zuhause kommen von Grund aus

14
umkleiden muste. Eine Bedürfnis mit
Respect
zu sagen, der ich selten entbehren

15
kann, so bald ich nach der Stadt gehe und wider heimkomme. Das menschliche

16
SauerBraten … Schweißtropfen
Vgl. die Stelle in den Erinnerungen von
Hamanns Tochter
,
Etwas über mich
, S. 421: „Seine Lieblingsgerichte waren Sauerkraut, weiße Erbsen und Sauerbraten, – diesen aß er mit solcher Lust, daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand. Wer ihn in dem Augenblick sah, mußte glauben, er habe für nichts Anderes Sinn.“
Leben ist gleich einem
s
SauerBraten, bey deßen herrlichen erqvickenden

17
Ge
ruch
nuß mir die Schweißtropfen auf der Nase wie Perlen stehen.

18
Gott seegne Sie mit Kräften und Munterkeit zu Ihren Festarbeiten und

19
laße das Jahr mit Freuden auch für Sie untergehen, und mit neuem Seegen

20
aufgehen über Ihr ganzes Haus.

21
Frau Gevatterin
Caroline Herder
Auch Ihnen, meine verEhrungswürdige Frau Gevatterin und Freundin,

22
schenke der alte liebe Gott Leben und Wohlthat! Erschrecken Sie nur nicht

23
Mann mit den ledernen Lenden
Georg Berens
,
s.o.
vor dem Mann mit den ledernen Lenden und dem grauen Haar unter

24
einer großen schwarzsamtenen Mütze, wenn er in Ihrem Bischofshofe vom

25
Pferde stürzt – Er bringt meine und meiner Kinder Küße den Ihrigen mit,

26
mehr konnt er und wollt er nicht nehmen.

27
Gott seegne Sie; mein alter lieber Herder! Grüßen Sie
meinen
Ihren

28
Beyträge zum Mercur
weitere Beiträge Herders aus dem
Teutschen Merkur
, nach dem zuletzt zugesandten Heft für Oktober 1781, vgl.
HKB 637 ( IV 358/1 )
und
HKB 637 ( IV 358/21 )
.
Gast und bitten Sie ihn um die Besorgung Ihrer Beyträge zum Mercur,

29
wenn Ihre Geschäfte nicht so viel Zeit erlauben. Künftig Jahr wills Gott!

30
mehr und beßer. Mittlerweile lebe und ersterbe Ihr alter treuer verpflichteter

31
und   ewiger Freund

32
Johann Georg Hamann.


33
ihm
George Berens
Find ich morgen früh noch, so will ich ihm wenigstens den verlangten

34
Abdruck von Leßings Falk
der von Hamann besorgte Druck der
Gespräche 4 und 5 von Lessings
Ernst und Falk
; vgl.
HKB 633 ( IV 339/7 )
Abdruck von Leßings Falk und die versprochene
Disp.
meines alten Freundes

35
Kraus mitgeben der mich vorgestern nach undenkl. Zeit einmal wider besucht‥

36
Find ich nicht mehr; so soll es wider nicht seyn. Nun so erwart ich Hartknoch

37
zur Meße. Doch alles ist nicht des Schreibens und der Rede werth. Gute Nacht!

Provenienz

Staatsbibliothek zu Berlin, Ms. Germ. quart. 1304, 231.

Bisherige Drucke

Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, VI 232 f.

ZH IV 358–360, Nr. 638.

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
359/7
Fenton
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Frenton
359/26
werden
.
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
werden.
360/1
ArzneyGelahr
t
heit
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
ArzneyGelahrtheit
360/6
aber,
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
aber